Allmähliche Zerkrümelung#teuflische Reformation

Angesichts der Allgegenwart des 500jährigen Reformationsjubiläums hier in Leipzig hab ich mir den Roman „Ahasver“ von Stefan Heym aus dem Jahre 1981 zur Hand genommen und über das Fallen von Engeln nachgedacht. Natürlich dilettantisch wie immer, denn teuflische Versuchungen durch Alkohol und Abschweifung wirken nach wie vor sehr stark auf die ordentliche Durchführung von Radiosendungen. Der Rest wird dann mit Musik aufgefüllt, einem kleinen Blick auf das Label „Et Mon cul c’est du tofu?„. Ist übrigens sehr empfehlenswert.

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Allmählich anfangen#1: Anfänge


Da ich mal wieder nicht geschafft habe, den Roman durchzulesen, dachte ich darüber nach, was sich eigentlich so bis ca. Seite 12 ereignet… was geschieht in den Anfängen…Da ich leider aber auch keine Zeit hatte, die Radiosendung gut vorzubereiten, wird die Sendung kurze Zeit nach dem Anfang zu einer reinen Musiksendung…Ich blicke kurz in „Die Kunst des Erzählens“ von David Lodge, worin sich mehrere Anfänge befinden und drifte dann mehr und mehr in die irische Literatur ab… Die verfügt über mehrere Anfänge. Und nicht nur so vielfältige wie in „In Schwimmen-Zwei-Vögel“ von Flann o’Brien, sondern auch in gänzlich unterirdische, wie etwa in „Grabgeflüster“ von Mairtin o’Cadhain…

Wrong & Alarm


..ich hab mal wieder im zeitschriftenregal geblättert und dann kam es mir auch schon entgegengestürzt…ich hatte also plötzlich eine ausgabe der zeitschrift spex vom juni 1989 in der hand…darin befindet sich ein interview mit der kanadischen band nomeansno, die erzählen in dem gespräch von einem kurzen abstecher in die ddr im april 89…scheinbar haben sie in ostberlin in einer kirche gespielt und in rostock…ich glaube, das ich die platte wrong dann aber erst im dezember 89 gekauft habe, da wurden sie nämlich in derselben zeitschrift über den grünen klee gelobt…und diese schallplatte namens wrong auf alternative tentacles ist dann nicht mehr so schnell von meinem plattenteller runtergekommen…sie war mir der perfekte soundtrack zur komplizierten gegenwart und auch eine kleine hoffnung lag darin, das die darauf befindliche kritische betrachtung der menschlichen existenz zu irgendwas besserem führen könnte…ausserdem hab ich noch einen gelungenen wiedergänger aus der gegenwart mitgebracht…. Die band kurws aus wroclaw hat mir nämlich ihre neue platte „alarm“ zugespielt…die ist jetzt ende september neu erschienen und erinnert mich zwar jetzt nicht mehr ganz so krass an nomeansno wie ihre erste platte „dziura w getcie“ aus dem jahr 2011…aber die richtung improvisation, in die sie sich vortastet ist doch sehr gelungen…Die neue Platte heisst alarm und tatsächlich piepst am ende der platte ein wecker…ich glaube aber nicht, dass es menschenmöglich ist, während der platte einzuschlafen…sie zitieren den französischen schriftsteller Pascal Quignard… der geschrieben hat, das man die ohren im gegensatz zu den augen nicht schliessen kann…hm die augen könnte man schon schliessen während man die platte hört….was sieht man dann ? Möglicherweise einen wecker…

Jello biafra von kassette…in einem lied dass übersetzt gramscis alptraum heisst…jello biafra wäre dann auch wieder der passende übergang zu nomeanso, die haben ja nicht nur auf alternative tentacles, also dem label jello biafras ab 1987 ihre platten rausgebracht, sondern auch zahlreiche musikalische zusammenarbeiten mit jello biafra hingekriegt…wie man aus dem interview in der spex von juni 1989 erfahren kann, auch eine zusammenarbeit für einen film, nämlich den film terminal city ricochet, wo sie mit jello lieder eingespielt haben und jello biafra ausserdem einen ziemlich fiesen typen spielt…während der dreharbeiten soll er sich ziemlich verletzungen zugezogen haben…es explodiert so einiges…nach der ersten platte namens « mama » steigt übrigens noch der gitarrist andy kerr bei nomeansno ein…ansonsten besteht die band nur aus den beiden brüdern rob und john wright. John wright hat vor nomeansno schon in schülerbands am schlagzeug gespielt und diverse jazztechniken eingeübt…der sound wird erstmal durch schlagzeug und bass zusammengehalten, was auch später noch rauszuhören ist. Die zweite lp ist dann die «you kill me » 1985 und ein jahr später die lp « sex mad ». wir hören paradise von der you kill me und dad von der sex mad…die lieder entfernen sich so langsam von den durch die ramones gesetzten standards für punksongs….

Nomeansno zeigen schon ganz gut die fähigkeiten zur zerstückelung von liedern…die beiden wright-brüder kommen übrigens von einer der westkanadischen stadt vancouver vorgelagerten insel…aus einer stadt namens victoria…wo sie in jeweils verschiedenen kellerproberäumen mit namen wie z.b. rat’s nest oder the alcove diese immer länger werdenden lieder fabrizierten….auch die lieder der band kurws werden ja scheinbar immer länger… auf der neuen platte alarm finden sich jedenfalls 4 lieder mit so ca 7-11 minuten länge…aber genau wie nomeansno haben kurws auch die wunderbare fähigkeit zur zerstückelung von musik….sie waren übrigens vor kurzem, also im august auf tour in russland…also einmal quer durch von st petersburg nach sibirien…wir hören das lied « triumf », das ist 10 minuten 46 sekunden lang…
scheinbar war ich nicht der einzige, den nomeansno umgehauen haben…ich habe nämlich einen text von martin büsser gefunden, in dem er über nomeansno 1989 in nieder-olm berichtet. Martin büsser hat mal im plaque zusammen mit lee hollis aus seinen texten gelesen und es geschafft gleichzeitig vom blatt abzulesen und eine zigarette zu drehen… etwas was ich heute nicht mehr schaffe, denn ich bin viel zu zittrig…also…martin büsser berichtet aus nieder-olm : « was als wundersames gerücht begann und in form von kursierenden flyern eine art materielle wahrscheinlichkeit erhielt, wurde wahr ! …da es draussen warm war und der innenhof mit scherben übersät, muss es im frühjahr oder sommer 1988 gewesen sein. Als wir ankamen, war die stimmung schon bis zum äussersten gesteigert…. Eine grosse euphorie lag in der luft, die wohl mit der exklusivität zusammenhing, mit der freude aller.. es geschafft zu haben eine band, von der soviel geredet wurde, in ein so verschlafenes nest wie nieder-olm zu holen. In ein jugendzentrum zudem, das höchstens 100 leute fasste. Freude daran, nach all den jahren an etwas teilhaben zu dürfen, das sich wieder nach intaktem undergrund anfühlte, nach einem neubeginn. Und das es sich so anzufühlen hatte , dafür sorgten alle beteiligten. Im eingangsbereich wurden kistenweise platten verkauft, die antifa hatte ihren stand aufgestellt. Ohne das hier grosse absprachen unter den leuten getroffen wurden, war von anfang an klar gewesen, das musik und politik hier zusammengehörten….nachdem ich nomeansno an diesem abend gesehen hatte, wurde mir klar, dass es das recht einer jeden generation ist, den punk für sich neu zu erfinden, ihn für sich ganz alleine neu zu erschaffen…. Im mittelpunkt standen die brüder john und rob wright, der eine über dreissig, der andere über vierzig. Alles, was nun folgte, nummern wie « small parts isolated and destroyed », « victory » und « real love »…drückte uns mit voller kraft an die wand. Wurde pogo getanzt ? Gab es zu dieser zeit bereits stagediver ? Aber was wäre passiert, wenn ein stagediver in eines der löcher gefallen wäre, die für die musik von nomeansno so typisch sind, in einen dieser breaks zwischen en schlägen und tonnenschweren gitarrenriffs, breaks von der kühnheit eines john cage, wo plötzlich die stille endlos erscheint, obwohl sie doch nur drei sekunden anhält ? »….die zeit aus der martin büsser erzählt ist die nach der platte « small parts isolated and destroyed »… die 1988 rauskam…

die kurze erinnerung an martin büsser erinnert mich auch nochmal daran, das ich euch die zeitschrift testcard nochmal ans herz legen wollte… von der ist vor kurzem die 25.ste ausgabe erschienen, die sich ganz der verneinung und dem zweifel und der kritik widmet… neben einblicken in eine womögliche krise der kritik und der herkömmlichen subkulturen lohnen sich insbesondere die abgedruckten interviews und gesprächsrunden…aber bevor ich jetzt alles nacherzähle…sag ich euch lieber nochmal die adresse, wo ihrs bestellen könnt…www.testcard.de… die alten bände gibts soweit ich weiss auch im infoladen im conne island oder in den einschlägigen buchlägen, zb. Im drift….in leipzig…für mich besonders interessant sind darin natürlich bezüge zur situation der subkultur in der entstehungszeit des testcard, also 1995… darüber, wie sich die negation in der subkultur entwickelt hat, findet man eigentlich viele interessante stellen zwischen den zeilen dieser testcard…nicht zuletzt war die negation aber schon ende der 80er jahre teilweise ein gemeinplatz…als so eine art übermässige bestätigung des schlimmen zustandes der menschen und der welt in den ganzen sub pop oder amphetamine reptile-platten oder im hardcore der new yorker schule…man denkt sich als hörerin diese art musik dann irgendwann wieder als bestätigung des bestehenden, denn eine besserung ist ja sowieso nicht vorstellbar….aus irgendwelchen gründen habe ich ausgerechnet nomeansno immer von diesem ausruhen in der kritik ausgenommen…aber als haltung ist es natürlich sowieso nur eine erzählung von etwas…aber wie ernst wurden die erzählungen damals noch genommen ! Darum geht es vielleicht auch in der testcard…um eine art abfall vom glauben und vertrauen in die subkultur als teil der popkultur, der sich nicht erst seit gestern vollzieht… man lese sich mal die kritik der wrong-platte von diedrich diederichsen in der spex vom dezember 1989 durch…ein euphorisches zeugnis einer vergangenen zeit…die heute natürlich als vergangene nicht mehr wiederbringliche zeit von mir abgefeiert wird… aber die noise-musik etwa von lightning bolt hat ja nomeansno auch beerbt… und scheint auch schon wieder vergangen…wie auch immer…teil dieses erbes haben auch die kurws angetreten…vielleicht bezeichnenderweise ohne texte…

ja, vielleicht ist es ein bisschen unvollständig so, dieses porträt der band nomeansno mit der konzentration auf die frühen platten, auch die späteren waren nicht schlecht…wenn ich es aber persönlich betrachte, muss es vermutlich auch so sein, denn irgendwann erlischt natürlich die aufgeregtheit.. wenn der sound einmal seinen festen platz im hörgedächtnis hat und so ging es mir auch mit nomeansno…trotzdem finde ich die band bis heute äusserst sympathisch…vor 3 jahren sah ich sie nochmal im ut connewitz…als zugabe spielten sie die komplette erste platte der ramones…vielleicht ist das eine eigenschaft, die hier kaum zur sprache gekommen ist…der humor von nomeansno…

Lizzy Mercier Descloux


Im Hintergrund hört ihr die Lower East Side in New York und dahin entführt euch diese Radiosendung. Nicht nur ihr seid da nun gelandet im fernen New York, sondern auch Lizzie Mercier Descloux ist da gelandet im Jahr 1975, eine in Paris geborene Kunststudentin auf Urlaub, beinah so schön anzusehen wie die 18jährige Eszter Balint aus dem Jim Jarmusch-Film Stranger than Paradise…Lizzie Mercier Descloux wäre nämlich vor ca nem halben jahr 60 jahre alt geworden, wäre sie nicht schon 2004 gestorben. Dazu kommt noch, dass sie exemplarisch für den übergang von punk zu ungleich unlokaleren musikstilen stehen könnte, obgleich punk ja nicht so eindeutig eine bloss lokale angelegenheit gewesen ist. Ja, eigentlich ist die sehr spezielle odyssee der punks auf interessante art und weise in eng umgrenzten lokalen szenen gediehen, wie auch andererseits in immer entlegenere gefilde hinübergeschwappt. Doch beginnen wir zu beginn…Lizzy Mercier ist im Dezember 1956 in Paris geboren, besucht eine kunsthochschule und wohnt bei ihren grosseltern. Ihren vater kennt sie nicht und ihre mutter ist eigentlich nie da… bei ihr gegenüber ist 1974 einer der ersten klamotten- und plattenläden, der sich für die vorläufer von dem was mal punk werden sollte interessiert, der laden heisst harry cover. ..der besitzer des klamottenladen findet die 17jährige lizzy toll, er sieht sie auf ihrem fahrrad zur ecole des beaux arts fahren und heftet einen zettel an ihr rad, das er gern mal mit ihr einen kaffee trinken würde. Langer rede kurzer sinn, der besitzer, der 23jährige kunststudent michel esteban freundet sich mit lizzy an.

Michel Esteban fährt 1975 mit Lizzy nach New York, sie lernen Patti Smith und Richard Hell kennen, sie wohnen im Chelsea Hotel und gucken sich die legendären konzertorte an, max kansas city und das cbgbs…Michel Esteban gibt von 1975 bis Ende 1976 in Paris eine Zeitschrift namens Rock news heraus, für die auch lizzy schreibt…

1976 fahren sie zum ersten punk festival in den 100club in london und sehen da die sex pistols und the clash, auch die stinky toys aus paris spielen am ersten tag, eine paris-london-new york-verbindung existiert schon eine ganze weile… 1977 fängt michel esteban dann an selber platten zu produzieren, eine single von marie & les garcons, die er zusammen mit john cale produziert.1978 ziehen die beiden nach New York, teilen sich eine Wohnung zusammen mit Patti Smith in SoHo, im südlichen manhattan… 1978 hilft er dann john cale das plattenlabel spy zu etablieren und gründet anschliessend sein eigenes label ze records, zusammen mit michael zhilka, einem britisch-irakischen millionenerben… lizzy freundet sich mit richard hell und patti smith an und veröffentlicht zusammen mit den beiden 1977 ein schmales bändchen mit gedichten und zeichnungen von patti smith… ungefähr zur gleichen zeit lernt sie gitarre spielen und gründet mit dem bruder von michel esteban, nämlich didier esteban das musikalische projekt rosa yemen…

Und das klingt ungefähr so: ihr hört nun herpes simplex und Larousse Baron Bic aus dem jahr 1978…in new york gab es damals eine szene, die grossteils den kunsthochschulen der ostküste entsprungen war und der new wave-idee eine spezielle minimalistische no wave-idee zugefügt hat…vielleicht nicht ganz zufällig in new york, denn bands aus dieser szene wie mars, dna oder theoretical girls hatten sich vielleicht schon ein bisschen was von der new yorker tradition des theatre of eternal music der 60er jahre abgeguckt, jedenfalls waren sie gegen allzu starre rockklischees. Die hatte nämlich auch der new yorker punkrock noch verinnerlicht… und so klingt der antirockistische gegenentwurf, bevorzugt mit thema krankheit…herpes simplex…

das war richard hell höchstpersönlich, den ihr da gehört habt, mit dem lied „time“. Richard hell und lizzy mercier descloux waren eng befreundet, 1996 hat richard hell den roman „go now“ veröffentlicht, in dem eine gewisse „chrissa“ mit einem gewissen billy, den man nur unschwer als fiktive variation der persönlichkeit richard hell erkennen kann in einem alten auto durch die usa reisen…“chrissa“ wiederum ähnelt der realen lizzie mercier descloux doch sehr… angesiedelt ist der roman im jahr 1980, kreist aber eher um die heroinabhängige selbstbezogene persönlichkeit billy mud, als um die fotografin chrissa. Darin beschreibt er sie so: „Ich habe sie 1975 kennen gelernt, als sie von frankreich zum ersten mal kurz new york kam. Sie hat kaum englisch gesprochen. Sie war 17 und ich war 24. // Im Verlauf von drei Wochen, die sie zu Beginn hier war, hat sie mich sehr berührt und mich bewegt und ist ein Teil von mir geworden, sie liess mich sehr ausser Atem zurück… Ich kann es noch in meinem Bauch fühlen, wenn ich drüber nachdenke…als ob ich das infizierte opfer in einem dieser filme mit ausserirdischen parasiten wär, die in die körper der menschen eindringen, als ob mein herz und meine lunge möbel wären, die sie vielleicht rausschmeisst, auf jeden fall aber umarrangiert wie es ihr passt. Sie schien aus einer anderen Dimension zu kommen…“. Der Roman offenbart ein gewisses Mass an Schuldgefühlen der Hauptfigur Billy Mud gegenüber Chrissa, aber auch ein Interesse an der düsteren Seite von Beziehungen, die auch in Liedtexten von Lizzy Mercier Descloux eine Rolle spielt, wir hören die Lieder „Tumor“ und „Jim on the move“ von ihrer zweiten Platte „Press Color“, die 1979 auf ZE Records rauskam…

Das Lied das ihr zuletzt gehört habt, war „Fast money music“ von Suicide, 1980 auf der zweiten Platte von Suicide. ZE Records hat zu dieser Zeit aber ganz verschiedene Musik durch den Fleischwolf gedreht, die performative und auf der bühne provozierende musik von Suicide und James White and the Contortions oder Lydia Lunch, aber auch so funkig bis motownmässige wie Was (not Was) oder Kid Creole and the Coconuts… Musikalisch bewegte sich die gerade noch ein Instrument lernende Lizzy Mercier eher in der 1978 entstehenden NoWave-Szene… Bands wie Mars oder DnA, Lydia Lunch mit ihren bandprojekten Beirut Slump und Teenage Jesus and the jerks, theoretical girls oder gynaecologists… mit vielen von denen war sie später zusammen auf ze records und die musiker aus diesem umfeld tauchten auch auf lizzies platten auf.. so z.b. arto lindsay von dna oder mark cunningham von mars… Mit der „Press Color“-Platte im Jahr 79 ging sowohl ZE Records als auch Lizzy aber auch in Richtung eines selbsterfundenen Discosounds mit einem Rhythmus ohne künstlich besonders verstärkte Beats, den man vielleicht auch auf die Band Suicide um die beidenco Künstler, Stoogesfans und Drumcomputerdilettanten Alan Vega und Martin Rev zurückführen könnte. 1980 kam dann passend dazu eine Disco-Compilation von ZE Records mit dem schönen Titel „Mutant Disco: a subtle discolation of the norm“ raus für den europäischen markt, die das alles zusammenbrachte und auf discokompatible 5-8 minutenlänge zurechtwalzte und auch von Diedrich Diederichsen in der Spex damals erfreut wahrgenommen wurde…wir vertiefen uns aber nochmal in Nichtnewyork und ähnliche verneinungen und hören dna, mars, lydia lunch und lizzy mercier…

die letzten beiden lieder waren „spooky“ von lydia lunch, von der platte „Queen of siam“, ebenfalls auf ZE Records 1980 erschienen und „no golden throat“ von der platte „press color“ von lizzy mercier descloux. Dabei wären wir bei einem ebenfalls naheliegenden thema, nämlich den möglichen rollenmodellen für musikerinnen und weibliche stars der no wave-szene… musikerinnen waren in den no wave bands beinah schon überproportional häufig vertreten im vergleich zu den punkbands, aber in ganz unterschiedlichen rollen, nicht ausschliesslich als sängerinnen. Interessant ist ja schon die persönlichkeit, die von den sängerinnen dann auf der bühne verkörpert wird. Gerade wenn man sich vorstellt, das ja viele künstler und künstlerinnen nicht gebürtig aus new york kamen und sie eben so wie nico zu velvet underground als eigentümliche menschen in seltsame lokale szenerien hineingeworfen wurden… eine art odyssee auf der man sich mit den monstern, die man da antrifft erstmal ganz gut versteht…man entweder immer weiter über die meere und inseln zieht oder sich doch eher in inneren abgründen verstrickt, im grunde könnte man auch den richard hell-roman „go now“ so verstehen…Über die Meere und Inseln verstrickte sich auch Lizzy Mercier Descloux. Nachdem die Platte „Press Color“ schon leicht funkige, mambomässige Ansätze hatte, ging sie erstmal auf Reisen, drehte mit ihrem Freund, dem Filmemacher Seth Tillet Kurzfilme in Italien. Ihre nächste Platte „Mambo Nassau“ nahm sie dann mit den französischen Sessionmusikern Wally Badarou und Yann Leker auf den Bahamas-Inseln auf. Sie versuchte sich afrikanischen Sounds anzunähern und gleichzeitig eine verwirrende stilvielfalt zu pflegen, imaginäre disco eben. Die Platte wurde von dem jamaikanischen Produzenten Steve Stanley aufgenommen, der auch Grace Jones und Tom Tom Club abgemischt hatte. Nun hören wir noch ein paar sängerinnen auf ZE Records, erstmal lizzy mercier descoux mit einem lied von der besagten dritten platte „mambo nassau“, dann esg, die nicht auf ze records waren, aber zumindest gebürtig aus new york und dann nochmal lydia lunch von ihrer platte „queen of siam“ auf ze records…

der no wave szene wurde vorgeworfen eine ziemlich weisse szene zu sein, das war sie und blieb sie auch, aber ze records hatte dann schon einige übergänge zu funkigen und motown-klängen in form so erfolgreicher bands wie kid creole and the coconuts, was (not was), oder material um den bassisten bill laswell. in die musik von lizzy mercier descloux kamen die funkigen klänge in form von gemeinsamen projekten daher und auch in form von cover-versionen und annäherungen an vorformen von sowas wie weltmusik, das damals so konzentriert in der plattenindustrie noch nicht existierte.sie coverte kool & the gang, das original von funky stuff wurde 1973 veröffentlicht und wir hören fire, im original von arthur brown ca 1968… dann noch james white and the blacks mit contort yourself,

Die Discolation oder Dislocation von ZE Records hat natürlich auch die ursprünglichen schrägen No Wave-Sachen so ein bisschen aus dem Zentrum der Plattenproduction verdrängt, mal davon abgesehen, das die Konzertorte für die No Wave Szene um 1982 rum langsam stagnierten, die schräge Szene wurde in die üblichen Kunsträumchen zurückverwiesen, wo immer noch genug platz war für all die eugene chadbournes, rhys chathams und john zorns dieser welt. Das war vielleicht auch für ZE Records ein Problem, die Plattenproduktion war um 1982 zwar immer noch äusserst vielfältig, z.b. kam auch die grossartige „music for a new society“ von john cale in zusammenarbeit mit dem grösseren indie „island records“ auf ZE raus, aber die erfolgreichen bands wie kid creole & the coconuts dominierten die Produktion. Um 1982 herum verliess Michel Esteban ZE Records, das Label hielt noch bis 1984 durch, aber das Spagat zwischen zugänglichen und schrägen Sachen war verlorengegangen. Raus persönlicher vorliebe muss ich noch mal die verbindung zu den ursprünglichen schrägen, minimalistischen sachen hervorheben, namentlich zu arto lindsay von der band dna, der hat verschiedentlich zu aufnahmen von lizzy mercier descloux beigetragen… wir hören etwas altes von dna und neue aufnahmen aus der unmittelbaren gegenwart

was mir an der rosa yemen-platte von lizzy mercier descloux gefallen hat, war die darin enthaltene melancholie, die man auch bei lydia lunch wiederfindet, gloomy sunday von lydia lunch und hard boiled babe von rosa yemen. Diese melancholie passt auch nochmal ganz gut zu dem erwähnten roman „Go Now“, in dem die Kunstfigur „Chrissa“, die Lizzy so sehr ähnelt Fotografin ist und ausgesprochen kunstvolle, aber traurige Bilder von Amerika macht. In gewisser Hinsicht spiegelt sich die Oberflächlichkeit der cleveren, aber konstruierten imaginären Disco, die Oberflächlichkeit von Pop in dem Konflikt zwischen den traurigen Romanfiguren Billy Mud alias Richard Hell und Chrissa alias Lizzy…Darin verborgen ist auch eine heimliche Konkurrenz zwischen Fotografie und Text, wie man sie vielleicht auch in texten von susan sontag zur fotografie beschrieben finden könnte.

die platten von lizzy mercier descloux wurden nie richtig erfolgreich, obwohl sie viel tourte und gemeinsame projekte mit musikern aus aller welt anfing. Zumindest einen hit in frankreich hatte sie noch 1984 mit dem song „Mais Où Sont Passées Les Gazelles“. Der war auf ihrer dritten lp „zulu rock“. Nachdem mambo nassau auf den bahamas-inseln aufgenommen worden war, führte sie zulu rock nach südafrika. Sie versuchte dort mehr oder weniger erfolgreich mit südafrikanischen musikern in soweto zusammenzuarbeiten, was unter den bedingungen der apartheid im jahr 1983 nicht ganz einfach war. die platten danach wiederholten die vorhergehenden musikalischen rezepte, suspense im jahr 1988 stellte das ende dar, nochmal mit mark cunningham von mars aufgenommen ging es zumindest ein bisschen zurück zu den anfängen. Lizzy Mercier Descloux zog sich in den 90er Jahren aus der Musik zurück und widmete sich der Malerei… Gelegentlich nahm sie noch was auf, wie z.b. 1995 eine Version des Gedichtes “Matinée d’ivresse/Morning High,” von Arthur Rimbaud, zweisprachig vertont von Patti Smith und Lizzy Mercier Descloux, musikalisch untermalt von Bill Laswell, bekannt aus dem musikalischen Projekt „Material“ auf ZE Rccords…. 2004 ist Lizzy Mercier an einer Krebserkrankung gestorben. Die letzten Tage verbrachte sie am Meer, ähnlich wie Nico starb sie auf einer Insel, auf Korsika. Ihre Asche wurde im Meer verstreut und laut Legende schwammen Delphine hinter dem Boot her, von dem aus sie verstreut wurde. Dann hören wir Lizzys hit aus dem jahr 1984, „Mais Où Sont Passées Les Gazelles“. Wir beenden die sendung mit einem blick zurück auf die anfänge der untergrund-disco, dem super subway comedian von suicide…

lost mixtape#13: never talking to you again

Am 13. September, also vor zwei Wochen, ist Grant Hart gestorben… Er war von 1979 bis 1988 Schlagzeuger, Sänger und Textschreiber der Band Hüsker Dü, später mit Nova Mob und allein unterwegs. Wenn man nach den wichtigsten Platten der 80er Jahre fragt, ist bei den Freunden des gepflegten Krachs immer noch die „Zen Arcade“ von Hüsker Dü ziemlich weit oben. Ob man das Wirken von Grant Hart und Bob Mould als Songschreiber von Hüsker Dü allerdings einzeln betrachten kann, ist dabei fraglich und wie vermutlich die meisten Hüsker Dü-Fans neige ich dazu, es nicht auseinander zu hacken. Doch auch wenn man das Frühwerk von Hüsker Dü vergöttert, sollte man den späteren Grant Hart, nicht zuletzt mit Nova Mob, nicht leichtfertig übergehen… Widmung in zwei Teilen…

Das hoffnungsvolle Büro (Abgang)



Hier endlich die Sendung über „Das Büro“ (Teil6) von JJ Voskuil und „Die Hoffnungsvollen“ von Anna Sperk… (der Roman von Anna Sperk befindet sich leider nur in der Audiodatei, denn es ist ein reines Büroskript)… Wir begeben uns hinab in die wirklich finsteren Gefilde der Arbeit und des auf Nützlichkeit hin durchzusiebenden Wissenschaftsbetriebes…..Das Büro ist ein episches Mammutwerk von über 5000 Seiten Umfang, das in einem volkskundlichen Institut in Amsterdam und in der Alltagskultur der Niederlande angesiedelt ist. Nicht ganz ohne Humor. Etwas ernster, aber auch mit sozialem Realismus schildert Anna Sperk den Studien- und Wissenschaftsbetrieb in der fiktiven Stadt „Linden“ (=Leipzig) in den frühen 90ern und die Erzählerin bewegt sich auch in ähnlichen Gedankenwelten wie der Erzähler im Büro, nämlich sie möchte Ethnologin werden in Linden und Maarten, der Erzähler im Büro ist als bereits fertig studierter Niederlandist ausschliesslich mit der Ethnie der Niederländer befasst und mit ihren seltsamen Sitten und Bräuchen.

Ich habe auch mal kurz in die Hoffnungsvollen reingelesen (die ausführliche Besprechung meines Mitmoderators findet sich leider nur in der Audio-Datei), da ist ja durchaus viel drin was man wiedererkennen kann, die Erzählerin wohnt am Anfang in einen Stadtteil, der mir Lössnig zu sein scheint, jedenfalls blickt sie vom Wohnheim auf einen Silbersee, dann zieht sie in eins der unsanierten Häuser in der Sternwartenstr….Darin ähnelt der Roman auch dem „Büro“… Eine Beschreibung von Dingen, die man kennt oder wiedererkennen könnte.

Wir schwingen uns aber erstmal hinüber von diesem Linden in das ferne Amsterdam…dort steht nämlich ein gewisses Meertens-institut, das für JJ. Voskuil, den Autor des Romans „das Büro“ als Vorbild diente für sein Büro…und dieses Institut wurde deshalb Gegenstand eines 5000seitigen Romans, weil der autor johannes Jacobus Voskuil tatsächlich 30 Jahre darin gearbeitet hat als Volkskundler…es ist also vielleicht so etwas wie ein autobiografisch inspirierter Roman, vielleicht auch ein Schlüsselroman für die geschichtliche Entwicklung dieses doch auch äusserst seltsamen Fachgebietes Volkskunde… eine besonderheit ist natürlich erstmal der schiere umfang dieses werkes… ich hab hier alle 6 bisher erschienenen bände aufgestapelt… der roman ist sozusagen als serie erschienen und zumindest in den niederlanden war er auch eine tatsächlich sehnsüchtig erwartete serie, deren Fortsetzung die Leser und Leserinnen so auf die folter gespannt hat, wie anderswo vielleicht Harry Potter… aber für einen roman, der auf einem gewissen sozialen realismus aufbaut, ist das ja doch wohl eine ziemliche seltenheit, das sich so ein serienfieber aufbaut…geholfen dabei hat wohl zweifellos der trockene Humor dieses Romanepos…band 1 ist im niederländischen original 1996 erschienen, in deutschland hat sich mit etwas verzögerung der berliner verbrecher-verlag diesem mammutwerk angenommen… sehr bewundernswert…dabei habense da beim verbrecher-verlag schon die mammutausgabe der erich mühsam-tagebücher am wickel, wo gerade band 11 von 15 erreicht ist…wie gesagt wurde nun vor kurzem band 6 der büro-ausgabe erreicht, jetzt fehlt nur noch band 7… angefangen hat die nacherzählung von 30 jahren büroalltag mit band 1 im jahre 1957, als einen gewisser maarten koning mit seiner frau nicolien einen befreundeten, älteren volkskundler aufsucht, nämlich den prof. anton beerta, nach dem dann später auch das büro in beerta-institut umbenannt wird. Maarten hatte in dem büro schonmal als student ein bisschen gearbeitet. Erstmal versucht er Lehrer zu werden, als ihm das aber nicht so zusagt, tritt er an den herrn beerta heran, der ihm auch sogleich eine stelle als nachwuchsforscher im büro anbietet, das damals kurze zeit nach dem krieg noch recht überschaubar ist mit ca. 12 festen angestellten. Im band 1 wird der leser geduldig durch die jahre 1957 bis 1965 geführt. Dabei beschränkt sich voskuil auf eine getreuliche beschreibung des büroalltags und des feierabends mit frau nicolien. Ausser diesen höhepunkten erwartet uns ein gelegentlicher kongress und ausflüge zu dringenden sitzungen verschiedener kommissionen und vereine wie z.b. dem bauernwagenverein. Maarten ist zuständig für den atlas der Volkskultur, ein unüberschaubares unterfangen, das versucht die verbreitung von traditionen und gebräuchen mit hilfe von geographischen karten darzustellen. Dieses unternehmen wird dann im laufe der bürobände erweitert um den versuch einen europäischen atlas der volkskultur zu etablieren, ein unternehmen das grandios scheitert. Maarten koning, unser Erzähler muss sich für seine forschungsarbeit äusserst seltsamen phänomenen widmen, zum beispiel untersucht er die nachgeburt des pferdes, genauer gesagt ob sie vergraben wird, oder an einem baum aufgehangen. Dann untersucht er die verbreitung und varianten von wichtelmännchen-erzählungen oder die wände des bauernhauses… im verlaufe der bände erweist sich voskuil aber doch auch als sehr guter beobachter einer niederländischen alltagskultur, die über diese humoristischen zuspitzungen hinausgeht. Wir können uns ja mal einen kleinen ausschnitt aus den 70er jahren im büro anhören. Ein kollege von Maarten, nämlich herr Professor buitenrust-hettema, direktor des freilichtmuseums in arnheim hält einen vortrag im hauptbüro, das ist nämlich das dem eigentlichen büro übergeordnete institut, in wirklichkeit handelt es sich hier um die königlich-niederländische akademie der wissenschaften, im roman ist vom hauptbüro die rede…

in band 5, der letztes jahr erschienen ist dann die stammbelegschaft des büros auf über 40 angestellte angewachsen und wir befinden uns in den jahren 1979 bis 1982… maarten koning ist nun auf dem höhepunkt seiner wissenschaftlichen laufbahn…er ist leiter der abteilung volkskultur, mitglied in zahlreichen kommissionen und geschätzter redner bei konferenzen in den niederlanden und im ausland. Ende der 70er jahre wird es nun langsam etwas bedrohlicher im büro, immer wieder ist von einsparungen und neuen betriebswirtschaftlichen massnahmen, wie z.b. controlling die rede…

der sogenannte neoliberalismus schleicht sich um die ecke…die produktivität des wissenschaftsbetriebs soll vermessen und der wissenschaftliche output in form von veröffentlichungen soll durchgezählt werden. Maarten wehrt sich gegen diese zumutungen, er sieht den eigentlichen wert der abteilung volkskultur in langfristigen forschungen und dokumentarischen aufzeichnungen von sich wandelnden sozialen prozessen…die 60er jahre haben das denken über den Begriff Volkskultur grundlegend verändert. Statt von weitgehend statischen traditionen und einem ursprünglichen volkscharakter geht man nun von sozialen prozessen und einer mentalitätsgeschichte aus. Auch das volk scheint im wissenschaftlichen sinne nicht zu existieren… das sind für die älteren wissenschaftler natürlich schwer verdauliche neuerungen, die auch im büro nur langsam zum wissenschaftlichen personal durchdringen. Im internet kursieren übrigens Aufschlüsselungen der wirklichen namen des im büro unter fiktiven Namen auftretenden Personals, die einen vergleich mit der wirklichen geschichte der volkskunde ermöglichen…heute ist das fachgebiet übrigens zum Teil in europäische ethnologie umbenannt und auch ein bisschen zerstückelt in fachbereichen wie der antrophologie und der sozialgeschichte.

In Band 6 mit dem Untertitel „Abgang“ befinden wir uns nun immer noch im Jahr 1982…im Büro werden langsam neumodische büromöbel und drehbare bürostühle eingeführt… Neuerungen, denen maarten koning eher ablehnend gegenübersteht. Die Abteilung volkskultur macht einen ausflug nach münster zu einem wissenschaftlichen Austausch über Ländergrenzen hinweg… Rie, Frits, Lien, Ad, Maarten… die Ausflüge sind gelegenheit für ein bisschen Gemeinschaftsgefühl, ein bisschen Abstand von dem von kleinen streitereien durchsetzten büroalltag. Aber eine nacherzählung der handlung stellt einen schon vor das nicht ganz geringe problem, das eben eigentlich nicht viel aufregendes passiert im büro. Das es trotzdem nicht langweilig wird liegt an den melancholischen und gleichmütigen, aber auch wunderbar lakonischen beobachtungen maartens, an denen uns der erzähler voskuil teilnehmen lässt. Sozusagen eine teilnehmende beobachtung von stimmungen, in die das wetter und die verschrobenen charaktere dieses amsterdam eintauchen…andererseits ist es auch die schiere macht der steten wiederholung dieses alltags, unter dem immer wieder abgründe wie krankheiten, zerwürfnisse und andere bedrohungen auftauchen. Darin ist das büro so faszinierend wie eine etwas unheimliche fernsehserie, sagen wir mal „twin peaks“… „Er träumte, dass ein grosses tier in sein bett kroch, ein schlangenartiges tier mit scheren. Es stieß ihm die scheren in den rücken. Er rief um hilfe. Nicolien weckte ihn. „Was ist denn?“, fragte sie besorgt.- „Ich habe geträumt“, sagte er schlaftrunken. – „Aber du hast mich gerufen. Was war denn?“ – „Ein grosses Tier.“ – „Ein grosses Tier?“ – „Ja“, sagte er schläfrig. „es wird wohl das Büro gewesen sein.“

Tatsächlich verfinstert sich die kleinen Welt des maarten koning in band 6 ein wenig (wir erinnern uns, der untertitel ist abgang). Gleich zu beginn des bandes wird er von einer hartnäckigen lungenentzündung ans bett gefesselt, er ist nun ungefähr 56 jahre alt. Der druck im büro wird grösser und die kleinen intrigen und machtspiele nehmen zeitweilig denver-clan-niveau an…

Aufgehellt wird die Stimmung ein wenig durch launische anekdoten wie z.b. diese hier: „er nahm einen bissen von dem plätzchen, das steinhart war. „ich arbeite mich wirklich kaputt“ sagte er mit vollem mund….“Wie war das eigentlich unter beerta?“ fragte gert neugierig. „musstet ihr damals auch so hart arbeiten?“ „unter beerta?“ er lächelte. „unter beerta haben wir nichts gemacht….naja, fragebogen auf karteikarten übertragen und karten gezeichnet, aber was ich damit machen sollte, war mir ein rätsel.“ „Und beerta selbst?“ „beerta!“ er schmunzelte. „beerta fing den tag damit an, mir zu erzählen, was er geträumt hatte. Dann schrieb er gratulationsbriefe an leute, die promoviert hatten oder professor geworden waren, denn er kannte alle, bis de bruin mit dem kaffee kam. De bruins kaffe war für beerta der höhepunkt des tages. Das sagte er zumindest. Es war eine mischung aus kaffee und abwaschwasser, in die de bruin ein bisschen buisman-aroma dazugab.“…

ja, die anekdote von der arbeit, das erinnert mich selbst immer an geburtstage in meiner kindheit, wenn mein vater geburtstag hatte… dann kamen immer irgendwelche arbeitskollegen und haben anekdoten von der arbeit erzählt. Eigentlich ein bisschen komisch, das romane, in denen der arbeitsalltag beschrieben wird, so ein bisschen selten geworden sind… vielleicht könnte man hier ja auch anknüpfen an die vor einer weile in den feuilletons geführte debatte, ob die romanliteratur die gesellschaft noch gut abbildet…das geflügelte schlagwort dieser debatte war „lassen sie mich durch, ich bin arztsohn!“…nicht das ärzte und arztsöhne nicht auch einen arbeitsalltag hätten… interessant ist das aber schon, auch wenn ich selbst glaube, das jeder das schreiben sollte, was ihm gefällt… experimentelle literatur hätte es da womöglich schwer…trotzdem denke ich manchmal, das der bitterfelder weg in der ddr, also die verordnete annäherung der künstler und schriftsteller an das gemeine volk und die welt der volkseigenen betriebe auch ganz interessante dinge hervorgebracht hat… allerdings muss man auch sagen, das arbeiterschriftsteller wie wolfgang hilbig dann plötzlich ganz experimentelle postmoderne literatur hervorgebracht haben, also das nicht immer so funktioniert hat. Ich glaube, der nach leipzig emigrierte westdeutsche schriftsteller ronald m. Schernikau musste sich in die industrielle brötchenproduktion begeben und hat darüber einen ganz schönen text geschrieben.

Das hätte jj voskuil gefallen. Der war allerdings eher kritisch gegenüber dem gemeinen volk, wenn er seinen protagonisten maarten koning in die niederländische provinz fahren lässt, um da interviews mit der dorfbevölkerung über frühere arbeitsgebräuche auf dem land zu führen, dann ist die erzählung von der guten alten zeit zwar faszinierend, aber ziemlich oft stösst maarten auch auf so eine art faschistoide kontinuität. Die bauern haben häufiger mit den nazis kollaboriert und gerade diejenigen, die sich heute noch für die gute alte zeit interessieren und die niederländische tradition hochhalten. Das wird von voskuil wunderbar gegeisselt, obwohl er gleichzeit seinen erzähler maarten so gestaltet hat, das in grosszügiger offenheit auch alle vorurteile und rassistischen oder sexistischen abgründe in maarten selbst und seiner umgebung geschildert werden. Die gedanken werden aber so differenziert wiedergegeben, das man als leser diese abgründe nicht als tatsächliche vorurteile voskuils auffasst, obwohl sie das natürlich auch sind. Aber diese ausflüge in die provinz kommen in band 6 des büros sowieso nicht mehr vor…maarten verbringt die meiste zeit im büro…häufiger werden auch krankenbesuche, denn sein langjähriger freund frans veen erkrankt schwer… untergebracht ist frans veen in einem krankenhaus, das ganz in der nähe von dem pflegeheim ist, wo schon seit seinem schlaganfall 1975 der ehemalige direktor beerta untergebracht ist… die besuche maartens bei direktor beerta, der seit dem schlaganfall in einer etwas vernuschelten, unverständlichen privatsprache spricht gehören mit zu den berührendsten stellen im roman… die gespräche maartens mit anton beerta enden dann meist damit, das beerta maarten fragt, ob er einen schnaps trinken will „wissu einen schnaps?“…

die gespräche mit frans veen sind auch sehr schön, frans hat kurz 1958 im Büro gearbeitet und sich dort mit Maarten angefreundet, hat dann aber psychische Probleme bekommen, die ihn sein ganzes Leben lang nicht mehr losgelassen haben… frans veen interessiert sich für kunst und literatur und schreibt viel. Bevorzugt verarbeitet er die geschehnisse in seinem tagebuch. Das ist auch so eine Gemeinsamkeit mit maarten, an dem ebenfalls ein schriftsteller verlorengegangen ist… maarten schreibt ebenfalls tagebuch…vielleicht verdanken wir diesem umstand auch die schönen detaillierten alltagsbeschreibungen voskuils, denn voskuil hat ebenfalls alles in sein tagebuch geschrieben…übrigens hat johannes jacobus voskuil, bevor er 1996 den ersten büroband veröffentlichte im jahr 1963 schon einen recht umfangreichen roman namens „bij nader inzien“ veröffentlicht, der damals aber nicht so besonders erfolgreich war. Der roman wurde allerdings anfang der 90er jahre in den niederlanden verfilmt. Noch so ein roman, den ich gerne mal lesen würde, aber er ist noch nicht ins deutsche übersetzt. Der roman ist mit über 1200 seiten ebenfalls kein kurzroman… ein schönes zitat daraus „ich studiere nicht, ich bin student“…im roman geht es um einen freundeskreis im amsterdam der 50er Jahre, studenten mit interesse für literatur… der protagonist heisst hier ebenfalls schon maarten koning, man könnte das büro also auch als fortsetzung von bij nader inzien betrachten. Jetzt aber wieder zurück ins büro und zu einem besuch bei frans veen.

Vielleicht nehmen wir uns einfach mal so ein gespräch über das tagebuchschreiben aus dem roman heraus: (s.274) „Wie war die Weihnachtsfeier bei deinem Bruder?“ Frans erschrak „oh.“. er zögerte. „das war eigentlich ein chaos.“ er lächelte entschuldigend.“…“und warum war es ein chaos?“.“Weil nur gesoffen wurde.“ in seiner stimme lag entrüstung. „zu acht haben wir sechsundreissig dosen bier, acht flaschen wein und zwei liter genever getrunken, und fast ohne etwas zu essen. Du kannst es dir also ausmalen. Zuletzt lagen alle sturzbesoffen am boden.“. „ja?“ fragte nicolien verwundert.“. „Ehre sei gott und dem menschen frieden“, sagte maarten. „schreibst du sowas eigentlich auch auf?“ fragte maarten und zog an seiner pfeife. „ja, das ist schon meine absicht.“ er sah rasch zu nicolien hinüber.“. „du meinst, das du es noch machen willst?“. „Nein, ich habe es schon aufgeschrieben, sonst komme ich überhaupt nicht mehr nach. Man kommt schon so fast nicht mehr hinterher.“ in seiner stimme lag erneut empörung, als würde er es den menschen verübeln, das sie ihm dies auch noch aufhalsten. „Wie machst du das genau?“ fragte maarten neugierig. „ja, wie mache ich das?“ er kicherte und sah nicolien an. „du hast etwas erlebt.“ maarten nahm die flasche und füllte die gläser noch einmal. „du kommst nach hause. Und was dann?“. „dann schreibe ich sofort alles, woran ich mich erinnere, auf karteikarten.“ „ja? Das könnte ich nicht.“ „Wie machst du das denn?“ er sah maarten unsicher an, als hätte der ihn bei einem fehler ertappt. „ich muss erst distanz haben. Sonst hat man keinen überblick. Dann kann man gleich alles aufschreiben.“. „ich dachte, das du auch alles aufschreiben würdest?“. „ich schreibe fast nichts auf. Zurzeit überhaupt nichts mehr. Ich schreibe nur auf, was mich stark beschäftigt, und das auch noch widerwillig.“. „ja, das ist bei mir natürlich auch so“, sagte frans vage. „ich muss immer erst was trinken.“ maarten sah ihn ungläubig an. „auch wenn du schon getrunken hast?“. „ja.“ er sah rasch zu nicolien. Nicolien lachte. „wie viel trinkst du dann noch?“ „einen halben liter?“ . „genever?“. „ja, genever. Aber ich bin meist auch schon bis gegen vier beschäftigt.“ es klang wie eine entschuldigung. „was für ein leben! Und dann?“. „dann arbeite ich die notizen am nächsten tag aus. Mit so einer weihnachtsfeier bin ich schon ein paar tage lang beschäftigt. Das darf also nicht allzu oft passieren.“. „dazu hätte ich niemals die geduld.“. „ich habe einmal ausgerechnet, das ich zwei drittel meiner zeit mit dem verarbeiten meiner eindrücke verbringe.“. „dafür hätte ich überhaupt keine zeit.“. „nein, ich verstehe auch nicht, wie du so ein leben durchhältst. Das scheint mir unmenschlich zu sein.“. „ich halte es durch.“, maarten lachte…

ja, ihr seht schon, es ist schwierig, das büro nachzuerzählen, denn eigentlich geschieht nichts. Oder eben so viel wie in einem gedicht geschieht oder in einem tagebucheintrag… tatsächlich macht das büro aber lust, sich mit tagebüchern zu beschäftigen…sich in die tagebücher von franz kafka zu vertiefen, der seine romanfiguren ja auch durch schwierige arbeitsverhältnisse schickt und gewiss ein einfluss auf voskuil war oder sich doch mal in andere niederländische literatur zu vertiefen und zu schauen, ob diese lakonische art zu schreiben dann am ende doch von der ethnischen identität der niederländer herrührt…empfohlen seien in diesem zusammenhang die romane von gerbrand bakker, einem jüngeren niederländischen autor, z.b. „oben ist es still“ oder das gerade erschienene „Jasper und sein knecht“. Der hat auch das nachwort zu band 3 der deutschen büro-ausgabe geschrieben.

Während die arbeitsbedingungen in den 50er und 60er jahren noch ein bisschen an ein irgendwie sozialdemokratisches idyll erinnern, wenn auch eben bei schlechterer bezahlung und mit weniger personal, werden im verlaufe von band 6 und im verlaufe der 80er jahre also immer härtere marktwirtschaftliche bandagen an den patienten angelegt. Das gipfelt darin, das für die nahezu von anbeginn dort arbeitende buchhalterin und verwaltungsfachfrau jantje bavelaar, die ebenfalls krankheitsbedingt ausscheidet ein neuer verwalter vom hauptbüro bestimmt wird. Um neueste betriebswirtschaftliche folterwerkzeuge, wie z.b. eine stechuhr einzuführen… das aber scheitert am erbitterten widerstand des büros. Schliesslich einigt man sich auf ein einschreibheft zum notieren der arbeitszeiten. Wirklich dunkle Wolken ziehen dann so um das jahr 1985 herauf, als der bisherige direktor jaap balk, der nachfolger von beerta also, beschliesst in ruhestand zu gehen. Maarten ist natürlich viel zu wenig ehrgeizig, um für die nachfolge in betracht zu kommen, aber für die übergangszeit muss er balk vertreten und zahlreiche intrigen des hauptbüros abwehren…als schreckgespenst durchzieht die angst vor einsparungen oder gar vor einer kompletten auflösung des büros die gesamten 80er jahre… schliesslich werden dann auch so um 1986 herum auch computerarbeitsplätze eingeführt. Maarten wünscht sich öfters aus dem büro weg und denkt über den eigenen ruhestand nach, der ihm einen ausweg aus dem leidigen büroalltag eröffnen könnte…“wann und weshalb hatte alles seinen glanz verloren? Dabei kam er wie so oft zu dem ergebnis, dass er im gegensatz zu früher nicht mehr an die beherrschbarkeit des menschen und die machbarkeit des lebens glaubte. Was er früher, als er noch daran glaubte, übrigens auch schon gesagt hatte. Der mensch ist eine bestie. Aber es war noch viel schlimmer, als es ihm damals schon bewusst gewesen war. Damals hatte er noch nicht gesehen, wie der ganze kram durch masslosen egoismus zum teufel ging, und dass dieser egoismus so gross war, dass jeder andere sich als gänzlich unerreichbar erwies. Anstatt sich sicherer zu fühlen, spürte er, dass er sich immer bedrohter wähnte und misstrauischer wurde. Wenn er draussen auf der strasse war, sah er sich von verbrechern umringt. Und ihm wurde klar, dass das so war, weil er älter wurde, und er begann zu begreifen, dass seine zeit endlich war.“….das ende von band 6 verrate ich hier an dieser stelle natürlich nicht, das müsst ihr selber lesen. Dann fehlt wohl nur noch band 7, der kommt vermutlich nächstes jahr im verbrecher-verlag heraus… inzwischen könnt ihr euch die ersten bände in deutscher sprache auch in der stadtbibliothek ausleihen, in niederländischer sprache sind band 1-4 auch in der universitätsbibliothek vorhanden… schön ist auch die hörspielfassung in niederländischer sprache, falls ihr mal hören wollt, wie das so klingt, ihr findet es hier

Allmähliche Zerkrümelung: Ror Wolf, Jazz und Alkohol…



„Ich erinnere mich an Stimmen Worte, in halbvollen Mündern verkaute Sätze, die herantreiben, zusammen mit den Geräuschen des Essens, dem erst fernen dann näheren Klang von Geschirr, dem Löffeln, Schlürfen von Suppe, dem Klatschen, mit dem die Klöße weich auf die wartenden Teller fallen, dem Plätschern, mit dem die Brühe dunkel über das Weiß der geöffneten Klöße rinnt.“

„Meine Bilder erscheinen, Bild um Bild, sie erscheinen wie Schnepfen in großen Bögen mit weiten Schwüngen im Verlaufe der Zeit, in der ich die Geräusche der Küche höre, zischend schabend schüttelnd.“

Nun, das war ein kurzes Eintauchen in Texte von Ror Wolf. In der Radiosendung Allmähliche zerkrümelung #33 bei Radio Blau, die hier nachzuhören ist.  Das Hineintauchen hängt auch damit zusammen, das gleich der erste Roman Ror Wolfs „Fortsetzung des Berichts“ aus dem Jahr 1964 dieses Hineintauchen in so etwas wie Erinnerung an ein verschwommenes, ein bisschen traumähnliches aber auch die menschliche Erinnerung schlechthin widerspiegelndes thematisiert. Es geht hinab ins Bewusstsein sozusagen. Und auch in beinah allen anderen Texten von Ror Wolf spielt dieses Eintauchen in einen Text eine Rolle. Ror Wolf ist am 29. Juni 1932 in Saalfeld an der Saale in Thüringen geboren, hat also vor kurzem seinen 85sten Geburtstag gefeiert. Geboren ist er eigentlich als Richard Georg Wolf, aber Ror Wolf klingt ja auch ganz gut.

Die im Nachhinein etwas zäh wirkende Atmosphäre der 50er Jahre kann man sich auch ganz gut als Nährboden der für Ror Wolf typischen Landschaften mit Abgründen vorstellen. Er wächst in Saalfeld auf und ist 12 Jahre alt, als die Stadt im April 1945 zuerst an die Amerikaner und dann im Juli 1945 an die Rote Armee übergeben wird. Von 1946 bis 1951 macht er sein Abitur und gründet 1947, also im Alter von 15 Jahren die Kunst- & Jazz-Gruppe Styx-Union mit, eine Schülerband. Sie proben im Haus der Deutsch-Sowjetischen Freundschaft, dem Schloss Kitzerstein, Ror Wolf an den Trommeln.

1951 nach dem Abitur bewirbt er sich in Leipzig für ein Studium der Literaturwissenschaft und Philosophie, wird aber ohne Begründung abgelehnt. Er macht also nach dem Abitur eine Lehre als Betonbauer, arbeitet auf dem Bau. Nebenbei lernt er in den Künstlerkreisen Saalfelds aber auch Franz Kafka kennen. Und er liebt die Jazzmusik, in der DDR auch nicht so einfach. Vielleicht kommt daher auch seine spätere Liebe zum Radio und aus seinen späteren Hörspielen kann man diese Faszination auch heraushören. Er sagt: „Radio war ein nächtliches Ereignis. Es hatte etwas angenehm Gefährliches, etwas zart Unerlaubtes. Und die Dunkelheit war gewissermaßen Voraussetzung für ein konzentriertes und zugleich sinnliches Hörabenteuer.“

Als 1953 dann seine Kollegen auf die Strasse gehen und er mit ihnen mit, am 17. Juni 1953, denkt er, dass er so nicht weiterleben will und verlässt die DDR, erstmal im Juli 1953 nach Westberlin, dann in ein Auffanglanger in Niedersachsen, schliesslich nach Stuttgart, wo er erstmal bis Mitte 1954 als Hilfsarbeiter arbeitet. Eigentlich will er aber studieren, was dann ab Oktober 1954 auch klappt.

Er geht nach Frankfurt. Da geht er hin, weil Frankfurt eine gute Jazzszene hatte, aber auch weil er da endlich das studieren kann, was er eigentlich in Leipzig studieren wollte. Er studiert Literaturwissenschaft, Soziologie und Philosophie. Doch sehr über die hessische Provinz hinausweisende Lehrkräfte sind zu der Zeit in Frankfurt tätig, er studiert bei Theodor Adorno und Walter Höllerer, besonders Walter Höllerer ist dann auch wichtig für seine literarische Entwicklung. In einem Gespräch sagt Ror Wolf „Adorno war ein wundervoller Lehrer; ich habe ihm viel zu verdanken. Ich bin ihm auch persönlich langsam nähergekommen. Das war ein Glücksfall – und Höllerer ebenfalls. Er hat mich in die „Akzente“ gebracht; über ihn habe ich moderne Autoren kennengelernt, die ich nicht kennen konnte, weil sie in der DDR nicht verlegt wurden.“

Ansonsten kann man vielleicht eine ganz bestimmte auf Gegensätzen aufgebaute Stimmung der 50er Jahre aus Ror Wolfs frühen Texten ablesen. Der Dichter Peter Rühmkorf sagt in seinen Erinnerungen „Jahre, die ihr kennt“: In den Jahren zwischen 1948 und 1950 begann die Naturlyrik dann ins Weite und Breite zu wuchern. Flink auf der Flucht vor Tragik und Erschütterung und rück- und rückgetrieben an den Hang, den Knick, zum Rasenstück, zum Beet und Blumentopf geriet die Lyrik immer tiefer ins Bescheidene und Verschnittene…die gesamte poetische Moderne war ein einziger Blumenladen….“.

Aber gegen den Blumenladen formierten sich auch gegenläufige Einzeltäter: Gottfried Benn und Günter Eich führten die eitrigen Wunden vor. In der Romanliteratur waren es Leute wie Arno Schmidt und Peter Weiss, die den Anschluss an die literarische Moderne suchten und bei aller Liebe zur Natur, auch die darin gelegenen Abgründe , insbesondere die menschengemachten erwähnten. Wenn man rückblickend bei der deutschen Literatur der 50er Jahre an die bekannteren Autoren der Gruppe 47 denkt, vergisst man leicht experimentellere Nebengleise, Max Bense in Stuttgart, Walter Höllerer und den verspäteten Einfluss von James Joyce und die literarischen Debatten, die sich an die Veröffentlichungen von Arno Schmidt anknüpften.

1957 beginnt er regelmässig in der Frankfurter Studentenzeitung Diskus zu veröffentlichen, ganz verschiedene Texte, Gedichte, aber auch, Bild-Collagen; Literatur-, Theater- und Jazz-Kritiken… die ganz frühen dort erschienenen Kurzgeschichten, wie z.b. „Entdeckung hinter dem Haus“ zeigen aber auch schon einen sehr schönen, abgründigen bis schwarzen Humor…in der Geschichte geht es um einen Mann, dessen Frau unter zunächst unklaren Umständen im Teich hinter dem Haus ertrunken ist. In einem Gespräch sagt er später„Vielleicht interessiert es Sie, dass ich, als ich mir als 25-Jähriger vorgenommen hatte, ganz vernünftig zu promovieren und meinem Doktorvater das Thema „Humor bei Kafka“ vorgeschlagen habe, worauf er, ein sehr sehr netter Professor, Kurt May, leider lange schon gestorben, mich ganz verdutzt anschaute und sagte: „Finden Sie Kafka komisch?“ Ich fand Kafka komisch; ich fand bei Kafka enorm komisches Potenzial. Das war noch nicht allgemein bekannt damals – so um 1957.“ Wo wir grad bei Kafka sind möchte ich euch sehr die soeben erschienene Neuauflage des Buches „Kafka geht ins Kino“ von Hanns Zischler empfehlen, das die Kinovorlieben Franz Kafkas beleuchtet. Die Filmvorlieben Kafkas tun nämlich durchaus diese komische Seite nochmal hervorheben, in der Neuauflage ist auch eine DVD beigelegt, in der diese Einwirkung des frühen Kinos auf die experimentelle Literatur um 1910 herum nochmal ganz plastisch vor Augen geführt wird.

In den Jahren 1958 und 1960 veröffentlicht Ror Wolf in der Zeitschrift Diskus auch ein paar Texte, die sich mit Arno Schmidt beschäftigen, der damals teilweise heftig angefeindet wurde. Besonders wichtig wurde für Ror Wolf aber der erste in Deutschland veröffentlichte Roman von Peter Weiss, nämlich „Der Schatten des Körpers des Kutschers“, der 1960 bei Suhrkamp veröffentlicht wurde. Von 1959 bis 1963 brachte es Ror Wolf dann immerhin zum Feuilleton-Redakteur bei der Zeitschrift Diskus und von 1961 bis 1963 zum Literaturredakteur mit eigener Radiosendung beim Hessischen Rundfunk: „Ich hatte eine Sendung, die hieß „Studio für neue Literatur“. Da hab’ ich das, was ich für neue Literatur hielt, einmal im Monat in die Öffentlichkeit gebracht. Und das eigentlich immer unter den misstrauischen Ohren meiner Vorgesetzten, die mit dieser Literatur wenig anfangen konnten. Ich hab’ zum ersten Mal überhaupt Thomas Bernhard gebracht, zum ersten Mal Franz Mon, Peter Weiss“.

Einen ersten Text im Verlag Suhrkamp veröffentlicht er 1962 in der Anthologie „Vorzeichen“, die von Hans Magnus Enzensberger herausgegeben wird. „Krogge ist der beste Koch oder Fortsetzung des Berichts“ ist schon eine vorläufiger Ausschnitt aus seinem dann 1964 veröffentlichten ersten Roman „Fortsetzung des Berichts“. Auf diesen Roman wollen wir uns auch in dieser heutigen Radiosendung namens allmähliche Zerkrümelung konzentrieren, denn die verschlungenen Wege, die der Ich-Erzähler da entlangmuss genügen vollkommen für eine zweistündige Sendung.

Die Fortsetzung des Berichts schildert in zwei parallel geführten Handlungssträngen die Erlebnisse eines hochgradig erinnerungsschwachen und desorientierten Ich-Erzählers. Teil der Handlung ist die Beschreibung eines monströsen Essens bei dem Koch und Forschungsreisenden Krogge, an dem der Erzähler mit einer Gruppe anderer Männer teilnimmt; der andere ist der Weg des Erzählers von daheim zu diesem Mahl, auf dem er Zeuge vieler lächerlicher oder katastrophaler oder imaginärer Ereignisse wird, stets verfolgt von Wobser. Beide Handlungen werden abwechselnd erzählt, aber nicht chronologisch ; am Ende werden sie in einer Weise zusammengeführt, dass sich daran zweifeln lässt, ob sie überhaupt von ein und demselben Erzähler berichtet wurden. Der Roman beginnt mit dem kryptischen Zitat von Wobser: „Der Fussboden ist die Unterlage unserer täglichen Existenz, auf ihm ruht und bewegt sich das ganze Tagesleben“