Daniil Charms


Wir begeben uns nun nach Leningrad, also in eine Stadt, die es so nicht mehr gibt…in den Januar 1928….also vor beinah genau 90 Jahren, gab es da ein paar Freunde, die sich für Kunst und Literatur interessiert haben. Darunter der damals 22jährige Daniil Ivanovitsch Juvatschjov. Der nennt sich zu diesem Zeitpunkt schon Daniil Charms, manchmal aber auch anders, so ein Künstlername hat viele Vorteile. Nach einem abgebrochenen Studium der Elektrotechnik, fängt Daniil Charms im Oktober 1926 ein Studium am staatlichen Institut für Kunstgeschichte an, das damals von Boris Ejchenbaum geleitet wird. Genau gesagt in der Filmabteilung dieses Instituts. Sein eigentliches Interesse gehört aber da schon der literatur und dem theater…er ist teil von Gruppen, die sich der Lautpoesie verschrieben haben, aber noch auf der Suche nach dem neuen und eigentümlichen ding, das nennen sie dann Oberiu, vereinigung der realen kunst, das geht gegenständlicher zu. Eines der frühesten künstlerischen Grossereignisse war dann die Uraufführung des Stückes „Elizaveta Bam“ als Teil der Abendveranstaltung „drei linke Stunden“ im Haus der Presse in Leningrad…eben am 24. Januar 1928….
„In der ersten literarischen Stunde kam Charms auf einem schwarzlackierten Schrank hereingefahren, der von meinem Bruder und einem Freund geschoben wurde, die sich im Innern des Schranks befanden…“

Elivzaveta Bam: „Gleich, eh ich michs versehe, geht die Tür auf und sie kommen herein… sie kommen bestimmt, um mich zu fangen und vom Erdboden zu vertilgen. Was habe ich angestellt. Was habe ich angestellt. Wenn ich es nur wüsste…Fliehen. Aber fliehen wohin Diese Tür führt auf die Treppe, und auf der Treppe stosse ich auf sie. Durchs Fenster. Sie schaut zum Fenster hinaus. Hu! Zu hoch…Da kann ich nicht runterspringen. Was soll ich nur tun… Da, Schritte. Das sind sie. Ich schliesse die Tür ab und mache nicht auf. Sollen sie klopfen, solange sie wollen…“. Das Verschwinden zieht sich wie ein roter Faden durch viele Geschichten und Gedichte von Daniil Charms.

Das Zimmer, in dem Daniil charms im Zentrum von leningrad mit seinen Eltern wohnt, schildert Marina, seine zweite Ehefrau so:
„Wie gesagt, Danjas und mein Zimmer war eigentlich nur ein halbes. Vor den Fenstern hatten wir Vorhänge aus Bettlaken. Die Fenster gingen, denke ich, auf die Strasse hinaus, denn ich weiss noch, wenn im Haus gegenüber Haussuchungen stattfanden, konnten wir über die Strasse hinweg zusehen. Im Zimmer stand ein Sofa – kein richtiges, eine schmale Liege, durchgelegen, mit einem grossen Loch in der Mitte….“

Wie bin ich nun auf Daniil Charms gekommen? Um 1988 herum sind im Züricher Haffmans Verlag zwei Auswahlbände mit Texten von Daniil Charms veröffentlicht worden. Von dem Übersetzer Peter Urban angestossen, hatten die Texte damals immer noch etwas fragmentarisches, denn es sind immer noch einzelne neue Texte aufgetaucht. Dazu muss man sagen, dass bin in die späte Sowjetunion hinein eine Gesamtausgabe von Daniil Charms im russischen Original nicht erscheinen konnte, obwohl der Autor, der ja schon 1942 unter tragischen Umständen gestorben war, in den 60er Jahren rehabilitiert worden war. Im Haffmans-Verlag ist zu der Zeit auch ein Auswahlband mit Texten von Max Goldt erschienen. Für mich hat sich dieser Blick auf die Wirklichkeit ein bisschen vermischt, obwohl die Lebensumstände von Daniil charms ja doch unvergleichlich tragisch verlaufen sind, er ist während der deutschen Blockade Leningrads in der psychiatrischen Abteilung eines Leningrader Gefängnisses verhungert. Trotz der unglaublich widrigen Lebensumstände von Daniil Charms in den 30er Jahren in Leningrad haben viele Texte eine grosse Leichtigkeit und innere Freiheit. Eine Eigenschaft, die in den persönlicheren Texten aber auch von den düsteren Erfahrungen von Hunger, Geldnot, Verrat und Gefangenschaft überlagert werden… In den früheren Texten aus der Zeit um 1927/28 herum kann man noch mehr Hoffnung auf eine zumindest künstlerische Identität als Teil der Gruppe oberiu herauslesen, die einem keiner nehmen kann, spätestens nach der ersten Verhaftungswelle 1932, während der auch Charms verhaftet wird, zerbröselt auch diese hoffnung…doch ein bisschen wollen wir noch bei den motiven aus der frühen Phase verweilen….die restliche Sendung ist in verschiedene Schreibmotive aufgegliedert, die bei Charms immer wieder auftauchen….

Am Anfang oder vielleicht auch nicht zu Anfang sondern irgendwann mittendrin nannten sie sich Tschinari (Cinari). Eine ironische Bruderschaft des Unsinns, aber auch viel eher als Oberiu ein philosophischer Privatlesezirkel, dem es um das Gegenwärtige und das Nichts gegangen sein mag…die finden sich schon Anfang 1926 zusammen. Zu diesem Freundeskreis gehören zu Anfang Daniil Charms, Leonid Lipavskij, Aleksandr Vvedenskij, Jakov Druskin und der Schriftsteller Nikolaj Olejnikov.
Oberiu, oder wie gesagt „die Vereinigung der realen kunst“ war dann sehr viel mehr eine literarisch-performative Gruppe….

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Noise and other damaged goods

Musiksendung über die aktuelle Leipziger Noiseszene anhand der Geschichte des Noisefestivals „Claws of Saurtopia“, Interview mit der Leipziger Noisegruppe Don Vito und die letzten 40 Jahre Punk in Form eines Gesprächs mit Jonas Engelmann vom Ventil- und Testcardverlag aus Mainz über das Buch „Damaged Goods“ (150 Einträge in die Punkgeschichte), über Martin Büsser und den ganzen Rest und ein verkorkster Anfang…mit einer Obsessed-Kassette.

kassette/durcheinander


Versuchsanordnung…sechs kassetten- und radiorekorder unterschiedlichen alters…dazu ungefähr hundert kassetten mit äusserst sonderbaren aufnahmen drauf, da wäre eine kassette aus china, alte aufnahmen aus dem radio 1988, etwas vom flohmarkt in brüssel…alles mögliche, das uns im ausland zugesteckt wurde, lieblingsmusik und immer wieder auch teile von stücken, die etwas äusserst geisterhaftes an sich haben…genau wissen wir auch nicht wo das alles herkommt…

zum teil wissen wir aber wo es herkommt, weil wir selbst mit dem zeigefinger vor dem aufnahmeknopf sassen und gewartet haben auf den anfang oder auf das ende vom lied… wir sitzen also da mit unserem zeigefinger und drücken record oder aufnahme oder einen roten knopf, manchmal muss man auch record und play gleichzeitig drücken und wenn man den richtigen zeitpunkt verpasst ist alles verdorben oder es ist uns egal und wird so hingenommen… manchmal gefällt es uns auch nicht und nach wenigen sekunden wird schon wieder stop gedrückt oder pause gedrückt und dann erst weiter wenn es uns wieder gefällt oder es wird zurückgespult und dann nochmal auf den passenden aufnahmeaugenblick gewartet.

Wir sitzen also in einem zimmer, wir sitzen vor einem künstlichen kamin an der küste von wales oder in einem zimmer nahe des hauptbahnhofes oder in einem zimmer im erdgeschoss, wo ständige erschütterungen durch die vorbeifahrende strassenbahn mit zur aufnahme gehören. An den jeweiligen orten gibt es unterschiedliche radiosender, die unbedingt aufgezeichnet werden müssen. Platten müssen überspielt werden und von kassette zu kassette. Ich erinnere mich an ein sitzen vor dem gerät an samstagabenden, wenn das parocktikum auf dt64 lief, aus heutiger sicht hätte man vermutlich einfach am anfang der sendung auf record drücken sollen, aber nein, jedes einzelne lied wurde einzeln aufgenommen und dann nach 10 sekunden wurde bei nichtgefallen auf stop gedrückt und dann zurückgespult.

Später hatte ich auch ein kassetten-aufnahmegerät… man geht also zu einem konzert, lässt das aufnahmegerät dann aber doch nur in der jackentasche heimlich mitlaufen, da man das ding nicht irgendwie bescheuert in die luft halten will, wie heutzutage die leute ihre telefone. Ein schritt weiter wäre dann noch, die ganzen musikgruppen anzuschreiben und um beiträge für ein zu veröffentlichendes compilation tape zu bitten… die musikgruppe „busfahrer“ hat mir ihre kassette zugeschickt, aber irgendwie ist erst jahre später eine kassette draus geworden…

manchmal ist beim aufnehmen aus dem radio oder von platte auch ein ganz interessantes durcheinander entstanden…man hat 5 sekunden walisische bergarbeiterchöre aufgenommen, dann drückt man aber auf stop und weiter geht’s dann mit englischem grindcore. Irgendwann hat man dann ein komplett neues musikalisches ereignis zusammengestückelt. Oder man mischt aufnahmen aus dem nebenher laufenden fernsehgerät dazwischen.

Das Rauschen auf den kassetten gefällt mir besonders gut bei alten kassettenrekordern mit eingebauten mikrofonen….ansonsten hat heinrich böll in seiner kurzgeschichte „dr. murkes gesammeltes schweigen“ wohl schon so ziemlich alles über die vorteile des rauschens im gegensatz zum umgebenden geräusch gesagt. Die Hörschwelle ist zwischen 1 kHz und 5 kHz besonders niedrig, deshalb wirkt Rauschen in diesem Bereich auf manche menschen störend. Der Abstand zwischen dem Signalpegel und dem Rauschen kann vergrößert werden, wenn man bei der Aufnahme den oberen Bereich des Tonfrequenzspektrums überbetont. Bei der Wiedergabe wird der ursprüngliche Frequenzgang des Tonsignals wieder hergestellt und dabei das Rauschen mit abgesenkt. Im UKW-Rundfunk wird mit diesem Verfahren gearbeitet. Ein weiteres Beispiel dafür ist die RIAA-Kennlinie für analoge Schallplatten, durch dieses Verfahren werden hochfrequente Störanteile deutlich verringert, und deshalb erinnert das verbleibende, eher tieffrequente Störgeräusch an ein Rumpeln.

allmähliche zerkrümelung#1918#2018#return of the living dead


Wie spiegelten sich die Geschehnisse des Jahres 1917 und 1918DieAktion08jg1918_0000 in der Zeitschrift „Die Aktion“ und in anderen linksradikalen litererarischen Erzeugnissen dieser Zeit? Und ist der Krieg wirklich schon vorbei? Die Untoten marschieren weiter…Weltuntergangsklänge der Gegenwart umrahmen alles…(z.B. die italienische Band Ovo mit ihrer neuen Kassette Creatura). Dilettantisch zusammengestückelte Unordnung in Form einer Unordnung. Hinter den Bildern der Zeitschriften verbergen sich Kopien derselben, bis zu denen ich dann in der Sendung gar nicht vorgedrungen bin…
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allmähliche zerkrümelung #abwaerts#rueckwaerts#vorwaerts#0118

Hund, Cläre Jung und Franz Jung 1924 in Grätzwalde…(seitenverkehrt?)

Allmähliche Zerkrümelung wirft einen Blick auf den Weg nach unten, den Franz Jung in seiner Autobiografie aus dem Jahr 1961 beschreibt. Im Gespräch ist Hanna Mittelstädt von der Edition Nautilus zu hören, die seit 1981 die schönen gelben Bände der Werksausgabe von Franz Jung mitherausgibt und am nun kommenden Montag im Haus des Buches zu Gast ist mit einer szenischen Lesung zum Leben dieses lakonisch-dadaistischen-agitatorisch-abenteuerlichen Schriftstellers und Revolutionärs. Dann noch der neue Roman von Sasha Marianna Salzmann (Außer sich), der ja ebenfalls eine Art Bewegungsrichtung vorgibt. Ausserdem habe ich noch zu tief ins Gedücht geblickt und mir einen neuen Auswahlband der Gedichte von Keith Waldrop angeschaut (gravitationen 1) und mit Übersetzer und Herausgeber Jan Kuhlbrodt geredet. Und im Dezember schon in Leipzig zu Gast: Lydia Lunch & Retrovirus wird musikalisch zu hören sein, Lizzie Mercier Descloux und andere Nowaverinnen…ebenfalls rueckwaertsgewandt? Was hat das alles zu bedeuten?

Hmm das wär auch mal ein Thema, Bücher die man schon sehr lange besitzt und immer wieder mal reinguckt und nachliest…meine ausgabe von der autobiografie „der weg nach unten“ von Franz Jung hab ich 1989 gekauft und sie ist zerlesen genug… zuletzt bin ich mal wieder da reingetaucht, weil eben ständig von 100 Jahren Oktoberrevolution die Rede war…1917 war Franz Jung in Deutschland, hat beim Spartakus-bund mitgemacht, sich aber auch der direkten aktion der dadaisten in den von ihm mitherausgegebenen zeitungen „Die freie Straße“ und „Neue Jugend“ gewidmet…nach sowjetrussland ist er dann erst 1920 gereist, in einer im buch nachzulesenden legendären schiffsentführung…später hat franz jung in der sowjetunion fabriken mitaufgebaut, hat die zeit in dem jungen staat auch in mehreren büchern verarbeitet, ich hab noch ein ganz schmales bändchen „das geistige russland von heute“. Besonders bemerkenswert ist der lakonische tonfall dieser autobiografie, die auch ein noir-krimi von raymond chandler sein könnte. Diese autobiografie „Der weg nach unten“ ist auch immer noch in der edition nautilus erhältlich und sehr zu empfehlen. Im Moment habe ich mich gerade in den Briefwechsel zwischen Franz Jung und Cläre Jung vertieft, den man in der Briefedition von Nautilus oder für die zeit von 1947 bis 1963 in auswahl auch in dem bändchen „der tolle nikolaus“ nachlesen kann, das war ein von cläre jung und fritz mierau bei reclam in der ddr 1980 herausgegebener auswahlband. Aus dem lese ich jetzt auch nochmal kurz aus einem brief aus dem jahr 1947 vor, in dem franz jung aus italien an cläre jung schreibt…“Liebe Cläre, aus London hat mir Reichenbach geschrieben, daß er euch aufgesucht hat und dass ihr eine nachricht von mir erwartet…“ (S.305)

Die zeit und wie sie sich vorwärts und rückwärts bewegt und wie sie manchmal in schwarzen löchern versinkt wird auch in dem Roman „außer sich“ von Sasha Marianna Salzmann thematisiert. Schon dem Roman vorangestellt ist ein Zitat von James Baldwin das auf das Erinnern und Nichtvergessen zurückkommt „die zeit vergeht schnell. Sie bewegt sich nach vorn und zurück und trägt dich weit fort, und keiner weiß mehr über sie als das: sie trägt dich durch ein element, das du nicht verstehst, in ein anderes, an das du dich nicht erinnern wirst. Aber etwas erinnert sich – wenn man so will, kann man sagen, dass etwas sich rächt: die falle des jahrhunderts, der gegenstand, der nun vor uns steht.“ das ist ein zitat aus dem buch „a street and no name“ von James Baldwin, das sich auf die 50er und 60er jahre in den usa bezieht

…Und auch in dem roman „Ausser sich“ ist die gewaltförmige wiederkehr der verdrängten geschichte ein thema…aber begeben wir uns doch hinein in den anfang…der beginnt mit einer erinnerung…geschildert wird die aus der ich-perspektive erzählende romanfigur alissa als kind, wie sie zum ersten mal nach hause fährt, zuhause ist in diesem fall das russland der späten 90er jahre, aus dem die familie nach deutschland emigriert ist. Einmal im Jahr werden die dortgebliebenen Grosseltern besucht, die eigentlich nachkommen sollten. Die Eltern sind als jüdische Flüchtlinge aus Moskau nach Deutschland gekommen, auch um dem dort zunehmenden Antisemitismus zu entfliehen. Diese kindheitserinnerungen ziehen sich durch den ganzen Roman.

In der Gegenwart begegnen wir der nun erwachsenen Alissa, die sich nun verkürzt Ali nennt auf dem Fussboden des Atatürk-Flughafens in Istanbul, wo sie einen Hähnchenknochen rauswürgen möchte, den sie gar nicht gegessen hat. Auf der Suche nach ihrem Zwillingsbruder Anton ist sie nach Istanbul gelangt und ihr Freund Elyas kommt von dort, sie hat also eine Anlaufstelle. Sie landet erstmal bei Elyas Onkel Cemal, der ihr zu helfen versucht bei ihrer aussichtlos erscheinenden suche, denn anton ist in dieser riesenstadt nicht aufzufinden. Sie beschreibt uns dieses istanbul, die stadt der proteste um den gezi-park, kurz vor der eskalation der proteste im juni 2013. Nach und nach lernt ali dort mehr leute kennen, sie fängt was an mit katharina, die aus der ukraine nach istanbul gekommen ist, um dort mysteriöse singvogelfänger zu trefffen und die dort schliesslich als tänzerin arbeitet…eigentlich ist katharina katho, sie legt ihre weibliche sozialisation ab, nimmt testosteron-präparate und wird zu katho. Ali geht immer mehr ihren eigenen weg in dieser stadt und als leser taucht man mit ihr da hinein… eine äusserst lebendige stadt mit einer lebendigen halbwelt, um mal dieses äusserst mondäne wort für eine queere szene zu benutzen, die man angesichts der nachrichten, die uns heute von da erreichen, da gar nicht mehr vorstellen kann.

Gleichzeitig erzählt sie uns die geschichte ihrer familie in der sowjetunion, eine geschichte der kriege, katastrophen und heldinnen und helden. Das ist insbesondere die Geschichte ihrer Urgrossmutter Etinka und ihres Urgrossvaters Alexander, die sich als Ärzte in den schlimmsten Zeiten des zweiten Weltkriegs bewähren müssen. Auch nach dem Krieg wird es nicht wirklich besser, zumindest nicht für Ärzte mit jüdischen Vorfahren. Die jüdische identität bleibt allein durch die beständigen angriffe von aussen bestehen, aber die familie steht zum sozialismus und wurstelt sich irgendwie durch. Lesen kann man diese Ausflüge in die Geschichte gut, ein bisschen schwieriger fand ich beinah die in der Gegenwart angesiedelten Teile des Romans in Istanbul, weil man dort so quälend im Ungewissen belassen wird. Wer ist diese Alissa oder Ali? Ali kriecht dort emotional auf dem Zahnfleisch umher und man weiss nicht so recht, wohin die Reise geht.

Aber neugierig macht der Roman auf jeden Fall auf diese Stadt istanbul, man möchte eigentlich gleich nochmal in die türkische gegenwartsliteratur eintauchen, falls es sowas gibt oder geben kann. Hier neben mir liegt der Roman „Schnee“ von Orhan Pamuk, ähnlich wie darin, geht auch die Handlung in „Ausser sich“ manchmal wunderlichen Verzweigungen nach. Ali lässt sich von augenblicklichen Gefühlen leiten und im zweiten teil des buches werden uns spiegelbildlich noch die erlebnisse Antons in istanbul erzählt, die uns schliesslich zur gänze an der identität alis zweifeln lassen. Existiert anton wirklich? Sind die zwillingsgeschwister vielleicht doch eine person? Sasha Marianna Salzmann nimmt den leser und die leserin immer mehr auch mit in eine betrachtung ihrer Romanfiguren von aussen und in eine betrachtung von erinnerungen, die aus einem anderen winkel auch anders erscheinen könnten. Damit eröffnet sie ein schönes experimentierfeld für das nachdenken über autobiografische wahrheit und das schreiben über erinnerungen. Und die leser und leserinnen sind schliesslich auch ein bisschen ausser sich…da ist eigentlich dann auch vielleicht noch eine querverbindung zu franz jung zu ertasten, der ja auch einen guten teil seines autorendaseins mit dem Schreiben fürs theater zugebracht hat. Marianna Salzmann ist ja ebenfalls Theaterautorin und der zweifelnde blick auf die Erzählfiguren ist auf so einer art bühne vielleicht auch naheliegender…

Als ich den roman gestern früh zuende gelesen hab ist mir noch was lustiges passiert…ich bin aus unerfindlichen gründen nämlich um 6 uhr früh aufgewacht und habe mir unterm dicken federbett die letzten 50 seiten des romans vorgenommen…das ging soweit auch ganz gut…auf den letzten 50 seiten wird die geschichte von anton in istanbul in sowohl poetischer, wie auch bedrückender, aber auch ein bisschen wie im traum wandelnder sprache beschrieben…ich kam im buch ganz gut voran…dann bin ich aber auf seite 363 eingeschlafen….(der roman hat genau 365 seiten muss man dazu sagen)…irgendwie bin ich immer wieder kurz aufgewacht, habe zwei oder drei zeilen gelesen und dann im halbschlaf die handlung oder das lesen selbst weitergeträumt, sogar das zuendelesen des romans habe ich geträumt, bis ich dann doch schlaftrunken das umblättern auf seite 364 geschafft habe und auch wirklich am ende angelangt bin.

Und nun ist noch ein bisschen zeit und wir beschäftigen uns mit dem gedücht. Damit beschäftigt hatte ich mich schon im dezember, da wurde nämlich der erste auswahlband mit gedüchten von keith waldrop veröffentlicht. Der erste band einer neuübersetzung seiner gedichte, denn erschienen sind die gedichte schon zuvor mal. 1995 in der edition galrev. Nun aber ungleich umfangreicher und auch aktualisiert, denn keith waldrop hat seit ca. 1961 jede menge gedichte veröffentlicht und auch nach der ersten deutschen übersetzung 1995 zahlreiche gedichtbände in englischer sprache veröffentlicht. Gleichzeitig hat er seit 1961 mit einer vermutlich im keller untergebrachten druckmaschine kleine gedichtbände in seinem kleinverlag burning deck herausgebracht. Seit den 80er und 90er jahren auch viele übersetzungen aus dem französischen und aus dem deutschen. Das hat ihn mir besonders sympathisch gemacht, da ich selbst mal drucker gelernt hab und keith waldrop auch wirklich schöne bände gedruckt hat. Ausserdem besticht dieser dichter durch seinen humor, den man sowohl aus seinen gedichten, wie auch aus interviews herauslesen kann…ich hab also einen der übersetzer seiner neuausgabe aufgesucht, nämlich jan kuhlbrodt und ihn gefragt, wie er nun eigentlich auf keith waldrop gestossen ist….

lost mixtape#vergangene zukunft

Im Hintergrund hört ihr die Band Zimt, eine Kassettenband aus Tübingen…die begleiten in einem historischen Vhs-Video die Romanpremiere des genau 1983 erschienenen Romans „der grosse Hirnriss“ von Peter Glaser und Niklas Stiller. Im Video sieht man eine an die Wand projizierte Computerschrift, die eine Art Bedienungsanleitung zur Lesung ist… Von Peter Glaser selbst programmiert, wie in einem Text namens „Das Kolumbus-Gefühl“ erläutert wird.

Dieser Text ist 1988 in einem grünen Buch namens „Das Chaos Computer Buch“ erschienen. Peter Glaser gehört nämlich seit seinem Umzug von Düsseldorf nach Hamburg im Jahr 1984 zu den frühen Aktivisten des Chaos Computer Club, unter anderem hat er das „Datenschleuder“-Fanzine mitherausgegeben und Texte geschrieben. Ich selbst habe den Roman und die Datenschleuder erst später kennengelernt, aber da ich fasziniert war von meinem Commodore 64 und mystischen Zukunftsvisionen von irgendwie künstlicher Intelligenz hab ich mir 1988 auch dieses grüne Buch gekauft. Ein Buch, das die mysteriösen Aktivitäten der Hacker und Hackerinnen aus der Perspektive des Jahres 1988 erklärt…die grossen Datenlücken einer jetzt schon ganz schön vergangenen Vergangenheit…Einblicke in Nasa-Rechner und Sicherheitslücken im Bildschirmtext, an den sich heute vermutlich niemand mehr erinnert…

Der darin befindliche Text von Peter Glaser „Das Kolumbus-Gefühl“ handelt eigentlich gar nicht von Datenfernübertragung, sondern davon was die Faszination des Programmierens an sich ausmacht und was darin für utopische Illusionen schlummern und was aber auch zugleich noch so alles im Halbschlaf vor der Tastatur und im Traum dadrin verborgen ist. Ein bisschen schade, dass dieses Programmieren mit der weiteren Verbreitung der Windows-basierten Betriebssysteme immer weiter in den Hintergrund verdrängt wurde und es immer komplizierter wurde mit einfachen Mitteln Buchstaben über den Bildschirm zu scheuchen… und das für uns nun simple Kurzbotschaften in Facebook und Twitter schon das Nonplusultra an Mitteilbarem sind…

In den nun folgenden zwei Stunden werd ich euch Kassettenbands aus meiner persönlichen Kassettensammlung vorstellen (grossteils aus den späten 80ern bis frühen 90ern, aber auch aus der unmittelbaren Gegenwart. Dem Roman „Der grosse Hirnriss“ lag nämlich auch eine Kassette bei, die Teile des Romans von typischen Kassettenbands und Künstlern aus den üblichen Düsseldorfer Kreisen vertonen lässt. Da gerade ja in Leipzig der 34. Chaos Communications Congress läuft, fand ichs ganz passend, hier ein bisschen aus dieser nun vergangenen Zukunft zu zitieren…ansonstne werd ich euch aber nicht mit Informationen überhäufen, sondern in Ruhe meine Kassetten abspielen… und nun hört ihr erstmal ein Lied von der Kassetten zum Roman von Peter Glaser…der grosse Hirnriss…Thomas Schwebel…auch bekannt von s.y.p.h. und mittagspause mit dem schönen lied fräulein julia .(das befindet sich auf S.34 des Romans) und dann noch das lied schleiflack von den oravs, wo peter glaser auch mitgemacht hat.. ausserdem sein glaubich damaliger mitbewohner xao seffcheque…

das es sie tatsächlich gab…die verknüpfung von Komputerfrieks und undogmatischen Punks…als Beleg hört ihr jetzt einen Bericht von der lesung aus Peter Glasers Text „Das kolumbus-Gefühl“: „Zwei Kannen Tee später hatte ich die ungefähre Funktionsweise von acht Basic-Anweisungen dechiffriert und ein Programm geschrieben, das ein A auf dem Bildschirm hin und her scheuchte. Ich konnte mich gar nicht sattsehen daran. So was brachte keine Schreibmaschine zuwege. Ich bin Schriftsteller, und es kommt durchaus vor, daß ein einzelnes, gedankenstoffliches A von irgendwoher irgendwohin durch mein Bewusstsein segelt und dabei in den Monitorbereich der Aufmerksamkeit gerät. Nun konnte ich diese flüchtige kleine Geistesgeste direkt darstellen, zumindest ein bisschen, a bit.

Eine Woche nach meinem A-Erlebnis fand die erste einer Reihe von Lesungen nach Veröffentlichung meines ersten Buchs statt. Autorenlesungen haben gewöhnlich den Unterhaltungswert eines Kirchenbesuchs, und ich hatte mir Gedanken gemacht, was dagegen zu unternehmen war. Versuche wie Jazz & Lyrik oder Performance hatten schon einen Bart, also lud ich eine Punkgruppe zur Zusammenarbeit ein. Und dann beschloss ich noch, den Computer mit auf die Bühne zu nehmen.
Innerhalb von fünf Tagen stapelte ich emsig wie ein Schiffsjunge beim Kartoffelschälen meine paar Anweisungen zu einem mehr als sechshundert zeilen langen Programm aufeinander, das eine Mischung aus Kinovorspann, schwingenden Linienschwärmen und Comic auf dem Bildschirm abspielte. „Lassen Sie sich nicht von der Technik blenden“, programmierte ich in eine Sprechblase, „ich versuche nur die Langeweile wegzurationalisieren“.

In der Nacht vor der ersten Veranstaltung bastelte ich immer noch an dem Programm, das inzwischen POETRONIC hiess. Dann trat ein Fehler auf, dessen Ursprung ich nicht orten konnte. Ich verhedderte mich in meinem Programm wie in einem Swimmingpool voller Blumendraht. Debugging. Gegen vier Uhr morgens warf ich alles über Bord bis auf einen etwa dreissig Zeilen umfassenden Kern und setzte die Segel mit zusammengebissenen Zähnen noch mal neu. Learning by doing nennt man das, oder: Try and furor.
Während der Lesung geriet ich dann in magnetische Stürme. Woran ich nämlich nicht gedacht hatte, war, dass der Computer auf die elektrischen Streufelder der turmhohen Musikanlage gereizt reagieren könnte. Ein Videoprojektor strahlte das Monitorbild riesig auf die Bühne. Das Einlesen der Programme von einem Cassettenrecorder in den Computer strapazierte die Geduld des Publikums. Als es endlich soweit war und ich starten konnte, tauchte aus den Untiefen des Speichers der Schrecken der sieben Meere auf: SYNTAX ERROR. In der Hoffnung, die Leute könnten annehmen, das gehöre schon mit zur Vorführung, programmierte ich mit fliegenden Fingern live.“

Allmähliche Zerkrümelung#Herr Lublins Laden

Ich nahm mir „Herr Lublins Laden“ von Samuel Agnon vor…aber allen Verzweigungen dieses sehr schönen und humorvollen Romans hab ich wohl nicht folgen können… Ein guter Ort zum darübernachdenken ist der Ort, an dem sich der Ich-Erzähler des Buches befindet. Er sitzt 400 Seiten lang im Ladengeschäft rum, das zu einer Haushaltswarengrosshandlung gehört, circa 1917, besonders interessant ist für uns dabei natürlich, dass es in Leipzig angesiedelt ist, genau gesagt im ja auch immer noch existierenden Böttchergässchen in der nordwestlichen Innenstadt Leipzigs. In den 400 Seiten der Romanhandlung verlässt der Ich -Erzähler den Laden nur in Gedanken, während er für den Eigentümer des Haushaltswarenladens den Laden hütet, denn der Eigentümer, eben Herr Aharon Lublin muss eben schnell was auf dem Rathaus erledigen und hat dazu den Laden der Obhut unsres möglicherweise dem historischen Samuel Agnon ähnelnden Ich-Erzähler überlassen.

Geschrieben hat Agnon den Roman in der Zeit von 1963 bis 1966, veröffentlicht wurde er aber erst aus dem Nachlass des 1970 gestorbenen Autors im Jahre 1975 in Israel. Übersetzt ins Deutsche erschien er erstmals 1993, also sehr viel später. 1966 hatte Samuel Agnon noch gemeinsam mit Nelly Sachs den Literaturnobelpreis bekommen, für sein Lebenswerk und unmittelbar auch für den Roman „Wie ein Gast zur Nacht“, der im galizischen Buczacz in der heutigen Ukraine angesiedelt ist, wo Agnon auch geboren wurde, nämlich im Jahre 1888. Samuel Agnon ist schon 1907 nach Palästina übergesiedelt und dann zu Studienzwecken um 1912 herum nach Deutschland gekommen, zunächst nach Berlin, aber immer wieder war er auch in Leipzig zu Besuch, wenn auch nicht dauerhaft, etwas länger hielt er sich erst im Jahr 1917 in Leipzig auf. Genau dort scheint Herr Lublins Laden angesiedelt zu sein, in den alten jüdischen Vierteln der Stadt, die heute nur noch in der Erinnerung existieren. „Wie an jedem Vorabend des Schabbat“ geht unsre Romanfigur auf den Markt um ein paar Einkäufe zu erledigen und danach möchte sie ins Badehaus, geht aber schnell noch bei seinem guten Bekannten, ebenjenem Herrn Lublin vorbei. Der aber muss dringende Geschäfte erledigen und überlässt den Laden der Aufsicht des zufälligen Besuchers.

Der Roman spiegelt die vielfältige jüdische Gemeinschaft des Leipzigs der Zeit um den ersten Weltkrieg wieder, in der viele tausende galizische Juden sich in erster, zweiter und dritter Generation in Leipzig angesiedelt hatten. Zu Beginn des Romans berichtet Agnon von einem Schüler der Tora, also der hebräischen Bibel, der tausend nächte wach bleibt um die tora zu studieren und dem ein geist erscheint, der ihn damit belohnt, dass er sämtliche auslegungen der tora von anbeginn der zeitgeschichte kennen und verstehen lernt. Der Ich-Erzähler behauptet, dass die Stunden in Herrn Lublins Laden auch ihn dazu befähigt haben, alle Geheimnisse der Tragödie von Juden und Nichtjuden in der modernen Welt zu begreifen. Was gefällt mir so an diesem Roman? Sein Humor, seine beständig abschweifende Handlung, die so verzweigt ist, wie sämtliche denkbaren Auslegungen der Tora und der Humor, der darin liegt, dass wir der Handlung im Kopf der erzählenden Figur folgen, aber die Romanfigur selbst völlig statisch in einem Sessel im Laden sitzt. Der Erzähler ist ein Mensch, der sich mit ganzem Einsatz seinen Studien widmet, der aber auch immer wieder von seinen Studien abgehalten wird, was aber seiner Freude an philosophischen Alltagserörterungen keinen Abbruch tut, wer könnte sich nicht damit identifizieren?

Nach Leipzig war er gekommen, weil die Atmosphäre im Berlin des ersten Weltkriegs gegenüber Ausländern immer feindseliger wurde. In Berlin hatte er eine Forschungsarbeit über die Bekleidungsgeschichte der Menschheit geschrieben, die ihn verständlicherweise recht lange beansprucht hat…ich lese mal kurz aus dem Roman vor…“Jeden Tag hatte ich von neun Uhr früh, wenn die Bibliothek öffnete, bis neun Uhr abends, wenn sie wieder geschlossen wurde, zwischen zwei Bücherstapeln gesessen und mich in die Vielfalt der Gewänder und Kleider vergangener Zeiten und der verschiedensten Länder vertieft, angefangen von dem Tage, da sich Adam und Chawa mit Hilfe eines Feigenblattes Schurze fertigten, um ihre Blösse zu bedecken. Und weil sich zu den verschiedensten Zeiten die Art zu kleiden in den verschiedensten Ländern und unter den vielen Völkern sehr oft gewandelt hat, war es eine umfangreiche, sich über einen langen Zeitraum hinziehende Arbeit gewesen. Ich hatte schon Befürchtungen, aus dieser Welt scheiden zu müssen, ohne mein Werk vollendet zu haben. Ich tat alles in meinen Kräften Stehende, um Zeit zu gewinnen, insbesondere beim Mittagsmahl. Nicht nur, dass es nicht wert ist, mehr Zeit darauf zu verschwenden, als auf die übrigen Mahlzeiten, es macht zudem noch schläfrig, Erwacht man dann, verlangt es einen nach einer Tasse Kaffee.In ein Cafe zu gehen ist nicht gut, denn man trifft dort Gleichgesinnte, mit denen man über ein gutes Gespräch ganz und gar die Zeit vergisst. Den Kaffee zu Hause zuzubereiten ist jedoch auch nicht besser, denn entweder ist die Tasse verschwunden oder der Zucker ist ausgegangen. Sind Tasse und Zucker vorhanden, lässt sich mit Sicherheit kein Körnchen Kaffee finden. Und hat sich dies alles dann doch angefunden, fehlt der Spiritus, um heisses Wasser zubereiten zu können. So hatte ich mich entschieden, das Joch der Zubereitung des Mittagsmahls abzuschütteln und stattdessen die eingesparte Zeit für meine Arbeit über die Bekleidung der Menschen zu nutzen. Und auf welche Weise? Wenn die Zeit des Mittagsmahles heran war, begnügte ich mich anstelle einer richtigen Mahlzeit mit Schokolade. Und um das Übermass an Süsse, hervorgerufen durch das Essen grosser Mengen Schokolade zu neutralisieren, rauchte ich noch zwei oder drei Zigaretten. Um nun wiederum das Rauchen etwas einzuschränken – denn nach einer ersten Zigarette ist das Verlangen sehr gross, sich immer noch eine weitere anzustecken – ging ich dazu über, nur noch jene lächerlich kleinen Päckchen zu kaufen, die sich wachsender Beliebtheit im Lande erfreuten und in der Jackentasche praktisch keinen Platz wegnahmen. Da ein solches Päckchen nur fünf Zigaretten enthielt, ging ich mehrmals am Tag beim Tabakwarenhändler vorbei, denn gleich drei oder vier Päckchen auf einmal zu kaufen ,war auch nicht angeraten, wegen der damit verbundenen Versuchung , immer noch eine und noch eine Zigarette zu rauchen. Aus diesem Grunde wurde ich mit dem Tabakwarenhändler recht gut bekannt. Damals herrschte noch Frieden in der Welt und die Menschen waren einander noch freundlich gesinnt. Hatten sich zwei Menschen drei, vier Mal getroffen, so betrachteten sie sich selbst bereits als alte Freunde. Und wenn sich die Leute unterhielten, dann waren es freundschaftliche Gespräche, die sie führten“

…Dort im Tabakwarengeschäft in Berlin lernt er Herrn Lublin kennen, der ihn nach Leipzig einlädt. In Berlin ist das Misstrauen gegenüber Ausländern wegen des Krieges inzwischen schlimmer geworden und der Erzähler fühlt sich fehl am Platze. Den Ausschlag für den Umzug gibt aber die Bekanntschaft mit Rabbi Jonathan aus Leipzig, der sich ebenfalls für den Talmud, das Sammelwerk der mündlichen jüdischen Lehre interessiert. Er zieht also nach Leipzig. Als er nun im Laden Herr Lublins sitzt, ist er schon seit etwa 4 Monaten in der Stadt und fühlt sich dort ganz wohl, er arbeitet ein paar Stunden pro Woche in einem Buchhändlerhaus als Bibliograph antiquarischer hebräischer Bücher, geht in das jüdische Cafe Salzmann und widmet sich seinen Studien des Leipziger Alltags. Die erinnerte Handlung ist irgendwie elliptisch angelegt, das heisst irgendwie kreisförmig kehrt sie immer wieder zum Anfang zurück, was mich zu der Zeit als ich das Buch zum ersten Mal gelesen habe irgendwie an ein weiteres Buch eines aus den Gegenden östlich von Lemberg stammenden Autors erinnert hat, nämlich an „Die Abenteuer in der Sierra Morena“ des legendären polnischen Schriftsteller Jan Potocki, das schon zwischen 1805 und 1813 erschienen ist. Das verfügt über eine sehr viel weiter ausgreifende Handlung, die aber auch so was kreisförmiges an sich hat. Ob Samuel Agnon Jan Potocki kannte, konnte ich aber nicht rausfinden, wäre aber nicht ganz unwahrscheinlich.

In „Herr Lublins Laden“ erzählt Agnon aber nicht nur die Geschichte des besagten Haushaltswarenimperiums, sondern auch der mehr oder weniger im Niedergang befindlichen kleinen nichtjüdischen Handwerkerläden auf der Rückseite des Geschäfts. Dabei handelt es sich um die Läden von Götz Weigel (Messer und Scherenschleifer), Joachim Hermann Witzelrode (Trödelladen), um den Sattlermeister Jakob Weinwurzel und den Spielzeugmacher Adam Isba. Der Krieg hat jedoch die Geschäfte zum Erliegen gebracht. Mit dem Nationalismus, der die jüngere Generation erfasst zu haben scheint, können die etwas verschrobenen, alten Ladenbesitzer nicht viel anfangen, was sie ganz sympathisch erscheinen lässt. Der Laden von Herr Lublin wirkt schon recht surreal, aber die Läden der alten Handwerker scheinen noch mehr aus der Zeit gefallen zu sein, was gewiss auch an der gespenstischen Atmosphäre des ersten Weltkriegs in der Stadt liegt. Selbst im Krieg bleibt die Leipziger Kaffeehauskultur erhalten, wenn auch mit weniger zahlenden Gästen und mangelhaften Zutaten. Im Buch befinden sich Beschreibungen eines blinden Patriotismus, aber die Zerstörungen und persönlichen Verluste des Krieges haben schon zu einer allgemeinen Kriegsmüdigkeit geführt. Die jüdische Gemeinschaft Leipzigs ist gespalten zwischen Anpassung an die deutsche Umgebung und einem Festhalten an Traditionen, die in der industriellen Moderne ebenso aus der Zeit gefallen sind, wie die Handwerker in ihren leeren Läden. Für die Tradition steht der Rabbi Jonathan der jüdischen Gemeinde der Gottesfürchtigen, wegen dem der Erzähler eigentlich aus Berlin nach Leipzig gekommen war, um mit ihm gemeinsam die überlieferten mystischen Texte zu studieren. Mit den orthodoxen Auslegungen des Rabbiners kann er jedoch nichts anfangen. Die Liebe zu den Büchern und die Verzweiflung an der Wirklichkeit, die mit lakonischem Humor hingenommen wird, ist etwas, das sich durch die Romane Samuel Agnons hinzieht. Wir folgen also dem Erzähler dabei, wie er sich langsam in Leipzig einlebt und immer mehr Bekanntschaften schliesst und vor allem die persönliche Geschichte aller Menschen in diesem kleinen jüdisch-deutschen Mikrokosmos in sich aufnimmt.

Neben den Handwerkern auf dem Hof des Ladens von Herrn Lublin sind da noch die Gehilfen Herrn Lublins: Lemke ist ein gescheiterter Schauspieler, der dem Theaterdirektor die Frau weggenommen hat und deshalb völlig mittelos auf der Strasse sitzt und nun froh ist über den sicheren Arbeitsplatz bei Herrn Lublin… Dann ist da noch Schwenke, der Lagerverwalter, der regelmässig mit den Handwerkern auf dem Hof aneinandergerät. Die Lebensgeschichte all dieser Menschen wird uns also erzählt, während der langen Stunden, die der Erzähler auf die Wiederkehr Herr Lublins wartet… Das ist ganz wunderbar zu lesen, auch weil der Erzähler von den menschlichen Schicksalen immer wieder auf die ganz banalen Nöte der Langeweile am Arbeitsplatz zurückkommt… Nach und nach liest er sich den Katalog der Haushaltswaren, das Telefonbuch und alles andere was so rumliegt durch, um zu guter Letzt einzuschlafen und in noch surrealere Traumgefilde abzutauchen…ins finstere Mittelalter, in dem er im Auftrage Kaiser Karls des Grossen einen Brief in hebräischer Sprache verfassen soll, in dem er die bevorzugten Ernährungsgewohnheiten eines Elefanten erfragen soll, der dem Kaiser von irgendwelchen Ismaeliten geschenkt worden war… und schliesslich auch noch in seine Heimatstadt Buczacz, wo er Herrn Jakob Stern begegnet, der aber offensichtlich schon gestorben ist und sich somit gar nicht wirklich in diesem Traum befinden kann….

Mich verfolgt seit einer weile das literarische motiv der abwesenheit und tatsächlich kann man hier gleich mehrere abwesenheiten drin erkennen. Erstmal ist da natürlich die offenkundige abwesenheit des herrn lublin, aber auch der ich-erzähler ist ja sozusagen vom erzählten gegenstand abgesondert in seinem Laden, wobei man wohl sagen muss, dass das ja eigentlich grundsätzlich in Erzählungen so ist, das der Autor die dinge doch oft aus einem gewissen räumlichen oder zeitlichen abstand heraus erzählt. Dann muss man natürlich sagen, das im Roman eine untergegangene Welt porträtiert wird, das durch den Nationalsozialismus und die Shoa vernichtete jüdische Leben in Deutschland oder im speziellen Fall in der DDR, in Leipzig. Und das Buch wurde natürlich in Israel geschrieben, in den frühen 60er Jahren, zu einer Zeit in der auch die israelische Gesellschaft in ihrem Verhältnis zu Deutschland gespalten war, Agnons Verhältnis zu Deutschland war zumindest ein anderes als das vieler ehemals auch deutscher und nun eben israelischer Juden. Abwesend ist natürlich genausosehr die untergegangene galizische jüdische Welt, die in „nur wie ein Gast zur Nacht“ beschrieben wird, das spielt aber schon in den sowjetischen Zeiten, also in den frühen 30er Jahren, als der Untergang dieser jüdischen Heimat zumindest absehbar ist. Empfehlen kann ich jedenfalls auch die Lektüre der anderen Romane von Samuel Josef Agnon, insbesondere „Schira“ hat mir auch sehr gefallen und natürlich „Nur wie ein Gast zur Nacht“, aber auch „Gestern, Vorgestern“…. jetzt bin ich leider auch schon wieder am Ende meiner kleinen Buchvorstellung angelangt… „Herr Lublins Laden“ von Samuel Agnon ist leider nach wie vor nicht im Buchhandel erhältlich, man kann aber die Ausgabe im Fischer-Verlag aus den 90er Jahren eigentlich antiquarisch noch ganz gut bekommen… ebenfalls interessant ist vielleicht der Roman „Bis hierher“, der ebenfalls in Berlin und Leipzig angesiedelt ist, aber noch nicht ins Deutsche übersetzt zu sein scheint. Man kann allerdings eine englischsprachige Übersetzung lesen, unter dem Titel „to this day“…