Daniil Charms


Wir begeben uns nun nach Leningrad, also in eine Stadt, die es so nicht mehr gibt…in den Januar 1928….also vor beinah genau 90 Jahren, gab es da ein paar Freunde, die sich für Kunst und Literatur interessiert haben. Darunter der damals 22jährige Daniil Ivanovitsch Juvatschjov. Der nennt sich zu diesem Zeitpunkt schon Daniil Charms, manchmal aber auch anders, so ein Künstlername hat viele Vorteile. Nach einem abgebrochenen Studium der Elektrotechnik, fängt Daniil Charms im Oktober 1926 ein Studium am staatlichen Institut für Kunstgeschichte an, das damals von Boris Ejchenbaum geleitet wird. Genau gesagt in der Filmabteilung dieses Instituts. Sein eigentliches Interesse gehört aber da schon der literatur und dem theater…er ist teil von Gruppen, die sich der Lautpoesie verschrieben haben, aber noch auf der Suche nach dem neuen und eigentümlichen ding, das nennen sie dann Oberiu, vereinigung der realen kunst, das geht gegenständlicher zu. Eines der frühesten künstlerischen Grossereignisse war dann die Uraufführung des Stückes „Elizaveta Bam“ als Teil der Abendveranstaltung „drei linke Stunden“ im Haus der Presse in Leningrad…eben am 24. Januar 1928….
„In der ersten literarischen Stunde kam Charms auf einem schwarzlackierten Schrank hereingefahren, der von meinem Bruder und einem Freund geschoben wurde, die sich im Innern des Schranks befanden…“

Elivzaveta Bam: „Gleich, eh ich michs versehe, geht die Tür auf und sie kommen herein… sie kommen bestimmt, um mich zu fangen und vom Erdboden zu vertilgen. Was habe ich angestellt. Was habe ich angestellt. Wenn ich es nur wüsste…Fliehen. Aber fliehen wohin Diese Tür führt auf die Treppe, und auf der Treppe stosse ich auf sie. Durchs Fenster. Sie schaut zum Fenster hinaus. Hu! Zu hoch…Da kann ich nicht runterspringen. Was soll ich nur tun… Da, Schritte. Das sind sie. Ich schliesse die Tür ab und mache nicht auf. Sollen sie klopfen, solange sie wollen…“. Das Verschwinden zieht sich wie ein roter Faden durch viele Geschichten und Gedichte von Daniil Charms.

Das Zimmer, in dem Daniil charms im Zentrum von leningrad mit seinen Eltern wohnt, schildert Marina, seine zweite Ehefrau so:
„Wie gesagt, Danjas und mein Zimmer war eigentlich nur ein halbes. Vor den Fenstern hatten wir Vorhänge aus Bettlaken. Die Fenster gingen, denke ich, auf die Strasse hinaus, denn ich weiss noch, wenn im Haus gegenüber Haussuchungen stattfanden, konnten wir über die Strasse hinweg zusehen. Im Zimmer stand ein Sofa – kein richtiges, eine schmale Liege, durchgelegen, mit einem grossen Loch in der Mitte….“

Wie bin ich nun auf Daniil Charms gekommen? Um 1988 herum sind im Züricher Haffmans Verlag zwei Auswahlbände mit Texten von Daniil Charms veröffentlicht worden. Von dem Übersetzer Peter Urban angestossen, hatten die Texte damals immer noch etwas fragmentarisches, denn es sind immer noch einzelne neue Texte aufgetaucht. Dazu muss man sagen, dass bin in die späte Sowjetunion hinein eine Gesamtausgabe von Daniil Charms im russischen Original nicht erscheinen konnte, obwohl der Autor, der ja schon 1942 unter tragischen Umständen gestorben war, in den 60er Jahren rehabilitiert worden war. Im Haffmans-Verlag ist zu der Zeit auch ein Auswahlband mit Texten von Max Goldt erschienen. Für mich hat sich dieser Blick auf die Wirklichkeit ein bisschen vermischt, obwohl die Lebensumstände von Daniil charms ja doch unvergleichlich tragisch verlaufen sind, er ist während der deutschen Blockade Leningrads in der psychiatrischen Abteilung eines Leningrader Gefängnisses verhungert. Trotz der unglaublich widrigen Lebensumstände von Daniil Charms in den 30er Jahren in Leningrad haben viele Texte eine grosse Leichtigkeit und innere Freiheit. Eine Eigenschaft, die in den persönlicheren Texten aber auch von den düsteren Erfahrungen von Hunger, Geldnot, Verrat und Gefangenschaft überlagert werden… In den früheren Texten aus der Zeit um 1927/28 herum kann man noch mehr Hoffnung auf eine zumindest künstlerische Identität als Teil der Gruppe oberiu herauslesen, die einem keiner nehmen kann, spätestens nach der ersten Verhaftungswelle 1932, während der auch Charms verhaftet wird, zerbröselt auch diese hoffnung…doch ein bisschen wollen wir noch bei den motiven aus der frühen Phase verweilen….die restliche Sendung ist in verschiedene Schreibmotive aufgegliedert, die bei Charms immer wieder auftauchen….

Am Anfang oder vielleicht auch nicht zu Anfang sondern irgendwann mittendrin nannten sie sich Tschinari (Cinari). Eine ironische Bruderschaft des Unsinns, aber auch viel eher als Oberiu ein philosophischer Privatlesezirkel, dem es um das Gegenwärtige und das Nichts gegangen sein mag…die finden sich schon Anfang 1926 zusammen. Zu diesem Freundeskreis gehören zu Anfang Daniil Charms, Leonid Lipavskij, Aleksandr Vvedenskij, Jakov Druskin und der Schriftsteller Nikolaj Olejnikov.
Oberiu, oder wie gesagt „die Vereinigung der realen kunst“ war dann sehr viel mehr eine literarisch-performative Gruppe….

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