Die Rückkehr der Tiere

Es fängt an mit einer Erinnerung an den Dezember 89… zwei alte Bekannte fahren im Trabant der Mutter nach Nürnberg und spazieren dort über Kopfsteinpflaster, es gibt Kaffee und Stollen, zurück aus der Zukunft in die seltsam altmodische prototypische westdeutsche Großstadt. Ich habe den neuen Gedicht- oder Erzählband „Die Rückkehr der Tiere“ von Jan Kuhlbrodt im Regionalexpress von Kassel nach Halle gelesen, beim Blick aus dem Fenster sehe ich Dinge, die ich bei vergangenen Fahrten in den letzten dreissig Jahren auch gesehen habe, obwohl sie da anders aussahen, in anderen Grundfarbtönen gestrichen waren und vielleicht sogar anders gerochen haben. „Gestern erreichte mich die Nachricht vom endgültigen Zusammenbruch des Irak, fotografiert von chinesischen Raumfahrern…Schade, dass sich dieses Ereignis nicht wie von selbst in den Atlanten abbildet. Die politische Ordnung der Welt, sich in Bildern aktualisierend. Aber dann würde die Geschichte aus dem Regal verschwinden, und ich hätte nichts zu erzählen, nichts zu erinnern.“ Ob es das wohl irgendwann gibt? Und wie hätten wohl die Roboter aus dem VEB Robotron den Zusammenbruch der DDR und ihr Verschwinden dokumentiert und nacherzählt, wenn sie damals schon so weit gewesen wären, das sie es hätten dokumentieren können oder sich heute noch daran erinnern würden und nicht nutzlos auf dem Schrottplatz oder im Museum rumstehen. Umso besser, dass sich Jan Kuhlbrodt erinnert, wie schon in vergangenen Novellen oder Romanen, zum Beispiel in „Das Modell“, wo ein gewisser Schroth plant, ein Erinnerungsregister anzulegen, „eine Bibliothek, verzeichnen, kategorisieren und das Leben in den Griff bekommen, wenigstens das Vergangene…“. Wie in dem Roman „Schneckenparadies“, veröffentlicht 2008 von Jan Kuhlbrodt, nähert sich ein Erzähler, der aus einer etwas entlegenen Erzählposition heraus, hinter Bücherstapeln oder vom Hinterhof aus die Erinnerungen überblickt. So wie die Industrieroboter des VEB Robotron heute im Museum zu betrachten sind, erging es auch den Ideen, die in der DDR „der Zukunft zugewandt“ waren. Wie konnte man sich als Heranwachsender in der DDR in Science Fiction vertiefen, wieso ist die Jugend der DDR trotzdem irgendwie abhandengekommen? Übrigens ist die Jugend ja auch irgendwie der alten BRD abhandengekommen, Franz Josef Strauss und Helmut Kohl waren so schlechte Vorbilder für die Jugend wie Erich Honecker oder Andropow. Ich hab mich jedenfalls mit Jan Kuhlbrodt über seinen neuen Gedichtband „Die Rückkehr der Tiere“ unterhalten, in dem wunderbare Zeichnungen von beinah ausserirdisch wirkender, wabenförmiger (nicht nur) DDR-Architektur zu sehen sind, die Klaus Walter beigesteuert hat.

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